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Hans Werner Kilz
Die Fratze des Terrors

9/11 Seit den Anschlägen auf die USA sucht der Westen die richtige Antwort auf die islamistische Bedrohung

Es war einer der Tage, an die sich jeder bis an sein Lebensende erinnern wird, wie bei der Ermordung John F. Kennedys oder dem Fall der Berliner Mauer. Nichts wird mehr sein wie vorher, schrieben Leitartikler vor zehn Jahren, als in New York die Türme des World Trade Center binnen kürzester Zeit in sich zusammensackten. Hatte damals, am 11. September 2001, das neue Jahrhundert erst richtig begonnen?

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg griff nach dem Bombenattentat in Oslo und dem Massaker auf der Insel Utøya zu ähnlichen Formulierungen. Die grauenvolle Tat, sagte er, werde das Land verändern. Es werde ein Norwegen vor dem Anschlag geben und ein Norwegen danach.

Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren die Großmacht USA und das kleine Norwegen im eigenen Land so verwundet worden. Insofern ist 9/11 mit Oslo vergleichbar. Zwei Horte der westlichen Zivilisation, die Zwillingstürme des World Trade Center, die wie Symbole des weltweit dominierenden US-Kapitalismus über Manhattan ragten, und Utøya, die friedliche Ferieninsel junger Europäer, verwandelten sich zur Hölle.

Pearl Harbour II

Amerika hat den Anschlag 2001 wie ein zweites Pearl Harbour erlebt und wie damals militärisch reagiert - mit Kriegen gegen Afghanistan und den Irak. Norwegen reagierte besonnen, weil es erfahren musste, dass nicht nur irregeleitete Islamisten die westlichen Demokratien bedrohen, sondern auch irre Islamhasser.

Terrorismus-"Experten", die in deutschen TV-Studios die Bombe von Oslo dem islamistischen Netzwerk Al-Qaida zuordneten, wurden als Wichtigtuer entlarvt. Der Reflex, den Terror mit dem Islam zu verbinden, belegt, wie verfestigt der Antiislamismus auch in Deutschland ist. Auch die Millionenauflage des Buches von Thilo Sarrazin erklärt sich nur als Ausdruck einer weit verbreiteten, diffusen Furcht vor dem Islam.

Natürlich gab es Anlässe genug, um hinter den neuen Anschlägen muslimische Fanatiker zu vermuten. Auf New York folgten Anschläge in Madrid, London, Moskau, Mumbai; zu den Attentaten bekannten sich Islamisten. Auch die Kriege in Afghanistan und Libyen mit norwegischer Beteiligung oder die dänischen Mohammed-Karikaturen boten Anreiz für Spekulationen.

Aber dann war das Gesicht des Bösen ein blonder Norweger, der das christliche Abendland bedroht sieht durch Islam und multikulturelle Gesellschaft. Es wäre verharmlosend, den Attentäter Anders Behring Breivik als Wahnsinnigen abzustempeln. Er handelte aus ähnlichen Motiven wie Timothy McVeigh, der 1995 in den USA mit einer Bombe 168 Menschen tötete. Hier wie dort entlud sich die Aggression gesellschaftlicher Außenseiter, die sich bedroht fühlen - auch und gerade von Zuwanderern, die das gewohnte Lebensmilieu verändern.

Ernüchterung allenthalben

Nach der Schreckenstat von Oslo können die Europäer manchen Fehler vermeiden, den sie nach dem 11. September 2001 begangen haben. Nicht schon wieder müssen Freiheitsrechte im Namen der Sicherheit eingeschränkt, Telefone und Computer überwacht, Daten auf Vorrat gespeichert und Migranten unter Generalverdacht gestellt werden. Recht und Gesetz sind nicht mit Mitteln zu verteidigen, die Recht und Gesetz verletzen. "Wir werden unsere Werte nicht aufgeben", sagte Jens Stoltenberg nach dem Attentat, "unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit".

Das klang vor zehn Jahren anders, mehr nach Vergeltung und weniger nach Freiheit. 47 Staaten folgten US-Präsident George W. Bush in seinen "Krieg gegen den Terror", und 20 zogen gegen Iraks Diktator Saddam Hussein in einen Feldzug, der lügenhaft begründet war und schnell seine moralische Legitimation verlor.

Auch wenn Afghanistans Taliban die Macht genommen, Saddam Hussein hingerichtet und Osama Bin Laden liquidiert wurde, herrscht heute allenthalben Ernüchterung: Diktaturen von Stammesfürsten und religiösen Fanatikern lassen sich nicht mit Gewalt zu Demokratien machen. Staaten nach westlichem Vorbild aufzubauen, als Ergebnis einer Intervention von außen, erweist sich als Illusion. Militärische Macht allein reicht nicht, um Länder wie Afghanistan und Irak zu befrieden. Die USA und ihre Verbündeten verlieren Sympathien, Glaubwürdigkeit und viel Geld, das daheim dringend gebraucht würde.

Der 11. September 2001 wurde, weil er in Planung und Ausmaß so schrecklich war, von Anfang an als politischer Konflikt religiös überladen: als "Clash of Civilizations", wie ihn der US-Politologe Sam Huntington als Bruchlinie des 21. Jahrhunderts markierte, als globaler Kulturkampf mit einem extrem aggressiven Islam, der von Al-Qaida und anderen als ideologische Waffe benutzt wird, um den vermeintlich verkommenen Westen zu bekämpfen - mit all seinen Freiheitsideen, seiner zügellosen Marktwirtschaft und einer religionsfernen Politik.

Es geht in diesen Kriegen nicht um territoriale Eroberung, es geht um einen Konflikt der Weltanschauungen, einen Kampf um die Zukunft verschiedener Lebensweisen. Diesen Konflikt bestehen müssen die Politiker, nicht Polizei und Militär. Aber die Politik hat noch keine schlüssige Antwort auf den Terror gefunden. Die Welt ist nicht besser und auch nicht sicherer geworden.

War die zurückliegende Dekade wirklich ein "Jahrzehnt der Hölle", wie das US-Magazin "Time" schrieb? Aus amerikanischer Sicht vielleicht. Das Amerika der freien Marktwirtschaft und liberalen Demokratie, das die Welt lange Zeit militärisch, kulturell und ökonomisch beherrschte, verfiel unter Bush in einen rachsüchtigen Nationalismus, der die USA dem postnationalen Westen entfremdete. Doch inzwischen ist das ideologische Fundament des "Krieges gegen den Terror" brüchig; die Bereitschaft der USA, sich in fernen Ländern militärisch zu engagieren, ist geschwunden. Die große Mehrheit der US-Bürger wollte das Ende der Kriege, und Präsident Barack Obama hat dem entsprochen. Auch der Tea-Party-Flügel der Republikaner argumentiert extrem isolationistisch. Mit Bushs Kreuzzugsmentalität ist keine Wahl mehr zu gewinnen.

Kollektives Trauma

Das 9/11-Trauma hat die Amerikaner kollektiv erfasst. Sie sind zutiefst verstört und unsicher, wie sie dem Rest der Welt begegnen sollen. Nun kann es nicht Ziel einer Weltmacht sein, geliebt zu werden. Aber es war eine große Sympathiewelle, die Obama ins Weiße Haus trug. Die Amerikaner wählten ihn, weil sie ein anderes Amerika wollten - ein Amerika, das seinen Bürgern ihre Freiheit sichert und mit anderen Völkern und Kulturen behutsamer umgeht. Doch die Finanzmarktkrise, der Crash amerikanischer Großbanken und seine Folgen haben die USA stärker erschüttert als 9/11. Der US-Dollar ist ein großer Verlierer der vergangenen Jahre, mehr Leidens- als Leitwährung. Die Schulden gehen ins Uferlose, die Zahl der Arbeitslosen steigt; Amerikas Traum, dass es der nachfolgenden Generation jeweils besser geht als den Vätern, ist ausgeträumt.

Mit dem 11. September 2001 hat das nichts zu tun. Er hat nicht die Welt verändert, wohl aber das Lebensgefühl in den westlichen Ländern - wie die Finanzmarktkrise und die Atomkatastrophe von Fukushima das auch getan haben. Die Anschläge und Folgekriege haben tausende Menschenleben gekostet. Mit Kriegen demonstriert eine Weltmacht wie die USA imperiale Größe. Die Terror-Gefahr bannt sie damit nicht. Nach den Debakeln in Somalia, Irak und Afghanistan wäre es klüger, aus dem Aufbruch in Nordafrika die richtigen Lehren zu ziehen. Statt mit Despoten zu kungeln, sollte der Westen auf junge Demonstranten setzen, die in Tunis, Kairo und Tripolis auf die Straße gehen, das eigene Leben riskieren, um ein besseres Leben für die nachfolgende Generation zu erkämpfen.

Europa kann viel bewirken, wenn es klüger als vor zehn Jahren auf die arabische Welt reagiert, wenn es auf Bevormundung und Erniedrigung verzichtet. Wenn es den Menschen in Nordafrika und Nahost eine Zukunft bietet, kann es dem islamistischen Terror das Fundament entziehen. Dieser Terror ist nicht Produkt einer fanatisierten Religiosität, sondern Produkt einer falschen Politik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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