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Monika Pilath
»Schon etwas Besonderes«

MORGENANDACHT Ein Ruhepol für Christen im Bundestag

Luther, was sonst. "Das versteht sich doch für einen liberalen, badischen Protestanten", sagt Patrick Meinhardt vergnügt. Es ist neun Uhr am Morgen des Papstbesuchs im Bundestag. Gerade hat der FDP-Abgeordnete - nicht das erste Mal - die Andacht gehalten, die donnerstags und freitags den Auftakt der meist langen Sitzungstage im Parlament bildet. Ein Christenmensch lebe "nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten", zitierte Meinhardt, der evangelische Theologie studiert hat, den Reformator Martin Luther.

Die "liebe Bundestagsgemeinde", die der 44-Jährige um Punkt 8.40 Uhr im Saal 1 S 019 im Reichstagsgebäude begrüßt hat, besteht an diesem Tag aus 18 Personen: Mitarbeiter der Fraktionen und der Bundestagsverwaltung gehören dazu. Außerdem sind vier Abgeordnete in den Andachtsraum wenige Schritte vom Plenarsaal entfernt gekommen. Die CDU-Abgeordnete und Katholikin Maria Flachsbarth hat in der dritten Reihe Platz genommen. In das Eingangslied "Nun singe Lob, Du Christenheit" stimmt sie mit geübter Stimme ein. "Der uns als seine Kirche liebt, ihr Einigkeit verleiht", heißt es in der zweiten Strophe. Es sei "schon etwas Besonderes", sagt Flachsbarth, dass am Tag des Papstbesuches "ein evangelischer Christ diese Feier geleitet und mit einem Luther-Zitat diesen Tag begonnen hat". Sie finde das "passend, da der Besuch des Papstes im Zeichen der Ökumene steht".

Gott im Mittelpunkt

Die Unterschiede beider christlichen Konfessionen bleiben gleichwohl sichtbar. "Es ist schön, dass der Papst heute im Bundestag zu uns allen spricht. Das sage ich auch als Protestant", betont Meinhardt in seiner kurzen Predigt. Er ahne aber, "dass ich nicht mit allem einverstanden sein werde", was Benedikt XVI. sagen wird. Und doch sei "die zentrale Botschaft: Gott steht im Mittelpunkt".

Pfarrer Pascal Kober, Obmann der FDP-Fraktion im Arbeits- und Sozialausschuss, ergänzt, er schätze besonders, dass das gemeinsame Glaubenserlebnis von evangelischen und katholischen Christen in den Parlamentsandachten so selbstverständlich sei. "Hier sind alle Schwestern und Brüder", sagt Kober. Fraktionsgrenzen und inhaltliche Differenzen träten für eine Viertelstunde - so lange dauert die Andacht - in den Hintergrund. Die Wirkung hält manchmal länger an. Ein SPD-Kollege, erzählt Kober, mit dem er im Ausschuss stets streite, habe nach einer von ihm geleiteten Andacht zu ihm gesagt: "Du bist ja doch kein schlechter Mensch." Der Reutlinger lacht.

Die Andachten in Sitzungswochen haben Tradition im Bundestag. Sie sind "Ruhepole im hektischen Parlamentsalltag" (Flachsbarth) und "führen uns vor Augen, dass nicht alles aus eigener Kraft geschieht, sondern wir auf die Gnade Gottes angewiesen sind" (Kober). Schon zu Bonner Zeiten trafen sich Abgeordnete zu Gebet und Gesang. Auch das vom Band abgespielte Glockengeläut des Kölner Domes zur Begrüßung gab es damals schon. Erst aus der vergangenen Wahlperiode stammt dagegen der Brauch, dass Abgeordnete die Andacht halten. Angesprochen werden sie jeweils von der evangelischen oder katholischen Kirche, die sich die Gestaltung der Morgenfeiern teilen.

Den Andachtsraum hat der Künstler Günther Uecker im Jahr 1999 gestaltet. Ihn sollen Angehörige aller Konfessionen zum Gebet und zur Meditation nutzen können. Die SPD-Abgeordnete Kerstin Griese, die es an diesem Morgen nicht zu Andacht geschafft hat, findet das gut; spiegele es doch die "Offenheit unserer Gesellschaft, für die auch unser Parlament steht".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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