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VOR 40 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Liberaler Flirt mit Links

27. Oktober 1971: Freiburger Thesen

Für die einen war es ein Anbiedern an die SPD, für die anderen eine Emanzipation von der Union: die "Freiburger Thesen der F.D.P. zur Gesellschaftspolitik". Die Liberalen verabschiedeten das Grundsatzprogramm am 27. Oktober 1971 auf ihrem Bundesparteitag in Freiburg im Breisgau. "Dass diese Thesen überhaupt verabschiedet werden konnten, ist eine erstaunliche Sache", kommentierte damals "Die Zeit". Schließlich vollzog die FDP damit nichts weniger als einen programmatischen Wandel - aber einen Wandel mit Ansage: Schon Ende der 1960er-Jahre, als die FDP in der Opposition war, näherte man sich der SPD an, mit der man nach der Bundestagswahl 1969 eine sozialliberale Koalition einging. Mit den Freiburger Thesen, als deren Autoren der damalige Parteivorsitzende Walter Scheel, Generalsekretär Karl-Hermann Flach und der spätere Bundesinnenminister Werner Maihofer gelten, wurde diese Neuausrichtung in ein Programm gegossen: Die FDP kritisierte nun die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und stellte das Thema "liberale Gesellschaftspolitik" in den Mittelpunkt. "Liberalismus nimmt Partei für Menschenwürde durch Selbstbestimmung. Er tritt ein für den Vorrang der Person vor der Institution", heißt es gleich in der ersten der insgesamt 54 Thesen. Außerdem schrieb man sich einen "sozialen Liberalismus" auf die Fahnen.

Doch die Freiburger Thesen hatten nur eine geringe Halbwertszeit: Bereits sechs Jahre später wurden sie durch die Kieler Thesen abgelöst, mit denen die FDP zu ihrer wirtschaftsliberalen Tradition zurückkehrte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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