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Parlamentarisches Profil
Tatjana Heid
Freund der Griechen: Erwin Lotter

Wenn Erwin Lotter sich den perfekten Tag vorstellt, dann sitzt er mit seiner Frau auf der Terrasse seines Ferienhauses, frühstückt und schaut auf die Ägäis. Das Haus gehört zu einem griechischen Dorf, dahinter erhebt sich der Olymp. Hier kann Lotter die Gedanken schweifen lassen. "Das kommt dem Paradies, wie ich es mir vorstelle, ziemlich nah", sagt er.

Nun würden die wenigsten Menschen Griechenland derzeit mit einem Paradies verbinden. Erwin Lotter weiß das, weiß es vielleicht besser als viele andere. Zweimal war er in diesem Jahr in Griechenland, im Mai zusammen mit der Deutsch-Griechischen Parlamentariergruppe, deren stellvertretender Vorsitzender er ist. "Die politischen Beziehungen waren auf dem absoluten Tiefpunkt", sagt er. Er erinnert sich, wie der Parlamentspräsident Philippos Petsalnikos mit Hinweis auf Zwangsanleihen, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg von Griechenland genommen habe, Solidarität einforderte. Wie er sich echauffierte, als Lotter die Sorge äußerte, die Griechenland-Hilfen könnten sich als "Fass ohne Boden" entpuppen.

Entsprechend skeptisch war Lotter, als er im August nach Griechenland in den Urlaub fuhr. Jedoch: "Die negative Stimmung Deutschland gegenüber hat sich von der Politik noch nicht auf die Bevölkerung niedergeschlagen", sagt er. Dagegen seien die Menschen hochgradig unzufrieden mit der Regierung, nicht hoffnungslos, aber wütend. Wütend auf die grassierende Korruption, wütend auf die strukturellen Defizite.

"Die neue Regierung muss diese Probleme dringend angehen", meint Lotter und versinkt in Nachdenken. Dann beugt er sich nach vorne, schiebt die Kaffeetasse weg. Seine Augen funkeln. "Die Griechen haben nicht verstanden, dass wir mit dem EFSF eine Brandmauer um sie errichten wollen." Sie hätten jetzt die Möglichkeit, mit europäischer Hilfe aus den Schwierigkeiten zu kommen. "Hätten sich die Griechen in dem Referendum gegen die Euro-Darlehen entschieden, wäre das Land im Chaos versunken, es hätte bürgerkriegsähnliche Zustände gegeben", sagt Lotter. "Die Griechen müssen endlich verstehen, dass sie mit den Problemen nicht alleine fertig werden."

Doch was muss getan werden, damit sich der Fall Griechenland nicht wiederholt? "Ich glaube, dass in letzter Konsequenz die europäischen Verträge neu verhandelt werden müssen", meint Lotter. Was eine Finanzmarktsteuer angeht, ist er liberal-kritisch: Eine solche Steuer müsse weltweit eingeführt werden. "Wir haben mehr die Tendenz, den Gewinn zu besteuern", sagt er.

Dieses "Wir" ist relativ spät in Lotters Leben getreten: 1951 in München geboren, studierte er Medizin, promovierte und war als Stabsarzt der Bundeswehr tätig. Seit 1986 hat er eine Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau in Aichach. Erst 1995, mit Mitte 40, wurde Lotter Mitglied der FDP. Er habe sich so über das politische Umfeld geärgert - "damals übrigens über Schwarz-Gelb, als Horst Seehofer Gesundheitsminister war", wie er mit einem Lächeln sagt -, dass er beschloss, die für ihn richtige Richtung zu unterstützen. Er wurde stellvertretender Ortsvorsitzende der FDP Aichach, war im Stadtrat und ist seit 2005 stellvertretender Bezirksvorsitzender der FDP Schwaben und seit 2008 stellvertretender Kreisvorsitzender der FDP Aichach-Friedberg.

"Ich hatte nicht die Absicht, in die Bundespolitik zu gehen", sagt Lotter. "Aber ich habe die Chance ergriffen, als sie sich mir bot." Sie bot sich 2008, als Lotter für Jörg Rohde in den Bundestag nachrückte - zunächst als Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und behindertenpolitischer Sprecher. Seit Ende 2009 widmet er sich seiner Herzensangelegenheit: der Gesundheitspolitik. Das Gesundheitssystem sei überreguliert, sagt er. Er arbeite daran, ihm mehr Freiheit zu geben.

Lotter ist außerdem Mitglied in der Deutsch-Mittelamerikanischen und in der Deutsch-Spanischen Parlamentariergruppe. Sein Sohn - eines von drei Kindern - ist mit einer Spanierin verheiratet. Von seinen drei Parlamentariergruppen sei allerdings die Deutsch-Griechische "die lebendigste, die am meisten diskutiert und sich am häufigsten trifft".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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