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Verena Renneberg
Die alltägliche Gewöhnung

RECHTSEXTREMISMUS Frustration und Not verschaffen Neonazis Zulauf im Osten. Auch in Cottbus

Knapp 30 Kilometer vor Cottbus auf der A 15. Auf der rechten Spur steht ein Wagen mit der Reichskriegsflagge großflächig auf der Heckscheibe. Sie ist von weitem gut zu erkennen, besser als das Modell des mausgrauen Wagens, der sich beim Näherkommen als betagter Opel Ascona zu erkennen gibt. Am Steuer eine junge Frau. Und die Reichskriegsflagge? Sie ist keine richtige Reichskriegsflagge, sie ist angedeutet und anstelle der Linien sind um das Kreuz herum Worte angeordnet: Neubau, Altbau, Reparatur, Montage. Erreicht man in Cottbus seine Kunden auf diese Art? Die kaiserliche Reichskriegsflagge gilt als Erkennungssymbol der rechten Szene und ist im Osten Deutschlands immer wieder zu finden.

Das Kfz-Kennzeichen ANA des Opel auf der A15 vor Cottbus steht für Annaberg - das liegt in Sachsen, nicht im brandenburgischen Cottbus. Das passt zu Behauptungen, in Cottbus gebe es im Grunde keine Probleme mit Neonazis: "Die sind in Sachsen und in Thüringen", sagt später am Tag der scheue, schlaksige Mitarbeiter der sanierten lutherischen Schlosskirche in der Innenstadt der Lausitzmetropole. Aber das liegt wohl vielmehr daran, dass ihm eine ganz andere Subkultur schlaflose Nächte bereitet. "Die Satanisten", empört er sich, "die haben die Kirche direkt am Eingang mit ihren Symbolen beschmiert: einem umgedrehten Kreuz und so. Und zwar schon zum zweiten Mal in diesem Jahr". So wie der ergraute Mann mit dem wuscheligen Lockenkopf und dem etwas zu groß geratenen Schnäuzer die Schmierereien erregen, können sie noch nicht lange her sein. Doch außen an der Kirche ist nichts mehr zu sehen. Sie ist gleichmäßig weiß getüncht, keine Spur von Vandalismus.

In Cottbus scheint man sehr schnell damit zu sein, unliebsame Vandalismusakte jeglicher Art schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden zu lassen. So auch auf einem der städtischen Friedhöfe. Erst am Sonntag hatten Unbekannte dort ein zwei Meter langes Scheingrab gegraben und mit Symbolen der rechtsextremen Szene umrandet. Vor dem Kopf des Grabes errichteten sie ein zwei Meter hohes Kreuz, daneben einen Aufsteller mit der Inschrift "Demokraten", rundherum ein paar Friedhofskerzen. Eine eindeutige Botschaft - von der schon wenige Tage später nichts mehr zu sehen ist. Der Vorfall wurde scheinbar zum Anlass genommen, den gesamten Friedhof akribisch zu entlauben, zu harken und zu pflegen. Nur wenige Meter hinter der kleinen Kapelle steht ein großer giftgrüner Müllcontainer, die Utensilien des Scheingrabes sind jedoch nicht darin gelandet. Aller guten Pflege zum Trotz, an diesem Ort möchte man sich weder tot noch lebendig aufhalten. Ein wenig beängstigend erscheint vor diesem Hintergrund auch die Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs nahe des Eingangs.

Ursachenforschung

Nur etwa 20 Kilometer Luftlinie von Polen entfernt, ist für Cottbus der Zulauf zu den Rechtsextremisten auch mit der Nähe zum Nachbarland zu erklären. Im Grenzgebiet gibt es viele negative Meinungen über die "Polaken". Extremismusexperte Professor Hajo Funke ist ein Kenner der Szene. Er lehrte an der Freien Universität Berlin. Seine Schwerpunkte sind Rechtsextremismus und Antisemitismus. Obwohl er seit 2010 emeritiert ist, scheint sein Ruhestand nur formalen Charakter zu sein. Im wahren Leben ist er schwer zu erreichen, weil sich die Journalisten der Republik gegenwärtig bei ihm die Klinke in die Hand geben. Funke ist sich sicher, dass das Phänomen Rechtsextremismus zwar in Ostdeutschland besonders verbreitet ist, aber egal ob in Grenznähe im Osten oder in der westfälischen Arbeiterstadt Dortmund seien "Erscheinen und Intensität" überall gleich. Allerdings sei der Ursprung in der DDR ein eigener: "Faschos und Skinheads gab es auch schon in der DDR", sagt der Experte, "aber die Bewegung weitete sich erst in den 1990er Jahren aus".

Umbruch ausgenutzt

Zu DDR-Zeiten hätten die Rechtsextremisten einigen Unzufriedenen eine Alternative zu den Bürgerrechtlern geboten. Das antifaschistische SED-Regime schwieg zu dem Neonazi-Problem. Funke führt aus, dass die Menschen im Osten nach der Wende orientierungslos waren, "vor allem die jungen Männer". Dies habe zu "Frustration und Not geführt. Das haben die Rechtsextremisten dann aufgegriffen und ausgenutzt". Eine weitere Ursache, so Funke, sei schon viel früher zu finden: "In der DDR wurde zwar der Antifaschismus gepredigt, aber der Faschismus nie aufgearbeitet". Und danach seien Vorfälle wie in Hoyerswerda nie aufgearbeitet worden. "Das ist das Problem der Verharmlosung, weshalb die sich gehalten haben".

Hoyerswerda ist nur 35 Kilometer von Cottbus entfernt. 1991 kam es zu ausländerfeindlichen Übergriffen auf Asylbewerber. "Die Polizei hat damals nachgegeben und die Asylbewerber abtransportiert und somit dem Volkszorn nachgegeben. Die haben die Bewegung geradezu ermuntert", erinnert sich Funke. Allerdings seien die Drahtzieher von damals nicht unbedingt die gleichen wie heute. Sie seien älter und wahrscheinlich "ruhiger" geworden.

Fast zwölf Prozent Arbeitslosigkeit, das ist nicht nur über dem bundesweiten Durchschnitt, auch über dem Brandenburgs. Blühende Landschaften gibt es in Cottbus und um Cottbus nicht einmal im Sommer. Die Dörfer sind genauso klein und schmal wie die Straßen, die zu ihnen führen. Ihr Zustand ist schlecht. Auch in den Außenbezirken von Cottbus. An der Straße, die vom Zentrum zu dem besagten Friedhof führt, steht ein schiefes Schild mit der Aufschrift "Vorsicht Gehwegschäden". Hätte die Stadt die Schilder überall dort aufgestellt, wo es Gehwegschäden gibt, dann könnten kaum ein Bürgersteig hier benutzt werden. Das Erbe des Sozialismus ist auch in Cottbus wie in vielen ostdeutschen Städten noch immer manifestiert in seinen Plattenbauten. Viel Substanz ist wegen Leerstands abgerissen. In den übrig gebliebenen Blöcken massieren sich Hartz-IV-Empfänger und Arbeitslose.

Das Zentrum ist im wahrsten Sinne des Wortes das Herz der Stadt: restaurierte Fassaden, kein Leerstand. Neben den national oder international bekannten Geschäften und Lokalen, die beim Besuch jeder Stadt ein déjà-vu hervorrufen und dem Neuling das Gefühl geben, nicht Fremder, sondern Freund zu sein, gibt es hier sogar einige kleine Boutiquen, die der Innenstadt einen Hauch von Noblesse verleihen. Ein kleiner Weihnachtsmarkt auf dem zentralen Platz tut ein Übriges zu dieser - im Gegensatz zur Umgebung - fast märchenhaften Kulisse hinzu. Hier scheinen die sich ständig wiederholenden Negativschlagzeilen über Rechtsextremisten weit weg zu sein. 2008 greifen Neonazis am Ende ihres einhundert Mann starken Fackelzuges zum Maifeiertag Polizisten an, jährlich gedenken sie der Opfer der Bombardierung Dresdens und von Cottbus im Zweiten Weltkrieg und dem Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß.

Was sagt der Bürgermeister zu all dem? Das sei auf dem Presseportal der Stadt Cottbus online nachzulesen, sagt der Pressesprecher und gibt leutselig Tipps zur Navigation auf der Seite. Besonders freut ihn, dass der Bürgermeister und Oberbürgermeister in einer Pressemitteilung die Friedhofsschändung verurteilen und es im Onlinearchiv "viele Reden" gebe, in denen die Herren Stellung beziehen. Zu sprechen sind sie nicht; der eine ist zur Kur, der andere auf einer mehrtägigen Veranstaltung.

Und je später der Tag, desto mehr der üblichen Verdächtigen sind auf den Straßen der Stadt unterwegs. Vereinzelt, leise, geschäftig, mit Freundin, unauffällig. Teils mit Baseballkappe, teils ohne. Immer kahlrasiert oder 30er-Jahre-Schick auf dem Kopf; Bomberjacke, Jeans und - Turnschuhe. Die Zeiten, als Rechtsextreme mit Springerstiefeln in der Öffentlichkeit auftreten, sind vorbei. Sie tragen stattsdessen klobige Turnschuhe, unauffällige Modelle. Das ist bequemer und unauffälliger. Längst gibt es Konsens in der Szene, sich nicht auszugrenzen, sondern zu integrieren; kein Feindbild zu sein, sondern der nette Nachbar von nebenan. Das wollen Extremismusexperten wie Hajo Funke durchkreuzen. Er appelliert deshalb an Politik und Medien, "an dem Thema dran zu bleiben und für lückenlose Aufklärung zu sorgen", damit es nicht in Vergessenheit gerät. Funke hofft, dass es damit jetzt endgültig "ein Ende hat".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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