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Verena Renneberg
Verschleppt und verkauft

MENSCHENHANDEL Experten geben Einblick in einen globalisierten kriminellen Markt

Es ist ein Markt, auf dem Angebot und Nachfrage die Preise diktieren - nur dass hier nicht Waren den Besitzer tauschen, sondern Menschen. Auf rund 22 Milliarden Euro schätzt die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) den weltweiten Profit der Menschenhändler, 2,5 Millionen Menschen seien betroffen. In Deutschland habe es im Jahr 2010 knapp 1.500 aktenkundige Fälle gegeben, wobei die Dunkelziffer vermutlich höher liege, sagte der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses Tom Koenigs (Bündnis 90/Die Grünen) vergangene Woche bei einer öffentlichen Anhörung, zu der fünf Experten geladen waren.

Özlem Dünder-Özdogan von der Zentralen Koordinierungs- und Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel - KOBRA Phoenix e.V. stellte heraus, dass weiblichen Opfern zumeist sexuelle Ausbeutung widerfährt. Die Expertin forderte, dass die Opfer zumindest eine Zeit lang in Deutschland ohne eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung bleiben dürfen. Tätern würden den Betroffenen in der Regel den Pass bei der Einreise abnehmen. Petra Follmar-Otto vom Deutschen Institut für Menschenrechte plädierte dafür, dass die Opfer das Recht erhalten, nach einem Prozess in Deutschland bleiben zu dürfen. Wenn es zu einem Prozess und gegebenenfalls einer Verurteilung der Täter in Deutschland komme, würden oft Mittelsmänner in der Heimat die Opferfamilien oder aber die Opfer selbst nach ihrer Rückkehr bedrohen und angreifen. Follmar-Otto forderte eine "grundlegende Erweiterung des Aufenthaltsrechts".

Die Unicef-Expertin Jyothi Kanics hob die Lage von Kindern und Jugendlichen hervor, die oftmals als Drogenschmuggler eingesetzt würden. Vor allem minderjährige Opfer sollten vor der Strafverfolgung geschützt werden. Die frühere Sonderbeauftragte der OSZE für die Bekämpfung des Menschenhandels, Helga Konrad, sagte: "Heute gehört der Menschenhandel zu den am stärksten globalisierten kriminellen Märkten unserer Zeit." Aufgrund der weltweiten Migration sei es für Polizei und Einwanderungsbehörden oft sehr schwierig festzustellen, wer Opfer von Menschenhandel sei. Der Politologe Robert Oberloher von der Hochschule der Polizei Hamburg sprach sich für eine einheitliche bundesweite Kooperation staatlicher und nichtstaatlicher Stellen aus.

Naile Tanis, Geschäftsführerin des KOK (Bundesweiter Koordinationskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess) plädierte unter anderem für ein Zeugnisverweigerungsrecht für die Beraterinnen der 50 Fachberatungsstellen für Betroffene des Menschenhandels. Ein profundes Vertrauensverhältnis bei der Beratung sei elementar. "Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Beraterinnen als Zeuginnen im Strafverfahren vorgeladen werden, um über das ihnen von den Klientinnen Anvertraute auszusagen", sagte Tanis. Die Folge sei eine Belastung und Gefährdung des Vertrauensverhältnisses zwischen Beraterin und Klientin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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