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Anne-Beatrice Clasmann
Gekaperte Revolution

ÄGYPTEN Muslimbrüder liegen im ersten Wahlgang vorn

Wenn zehntausende Demonstranten einen Slogan rufen, entsteht leicht der Eindruck, sie verträten die Mehrheit. Dass dies manchmal ein Trugschluss ist, mussten die jungen ägyptischen Aktivisten erfahren, die mit ihrem mutigen Protest im Februar den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak erzwungen hatten.

Nach der ersten Runde der Parlamentswahl am Nil in der vergangenen Woche sind viele von ihnen entsetzt. Denn die Sieger dieses ersten von drei geplanten Urnengängen nach der Entmachtung des "Pharao" sind nicht die neu gegründeten Parteien der Revolution, sondern die Islamisten. Zur stärksten Kraft wurden die Muslimbrüder mit ihrer "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", die aus Ägypten einen Staat mit islamischem Antlitz machen will - stärker religiös geprägt als die von moderaten Islamisten regierte säkulare Türkei, aber weniger puritanisch als Saudi-Arabien. Die Kandidaten der inzwischen verbotenen Nationaldemokratischen Partei (NDP) von Mubarak, die diesmal als Unabhängige angetreten oder unter das Dach neuer Parteien geschlüpft waren, sind dagegen fast alle kläglich gescheitert.

Wie stark die Rolle der Religion im neuen Ägypten sein wird, wird davon abhängen, welchen Koalitionspartner die Muslimbrüder wählen: Die salafistische "Partei des Lichts" (Hizb al-Nour), die für eine stärkere Trennung von Mann und Frau im öffentlichen Leben und für eine Islamisierung der Lerninhalte plädiert, oder die Ägyptische Allianz, der überwiegend liberale Parteien und auch einige christliche Politiker angehören.

Hoffen auf Umschwung

Der christliche Unternehmer Naguib Sawiris, der nach der Entmachtung Mubaraks im vergangenen Februar die "Partei der Freien Ägypter" gegründet hatte, warnt seine Mitstreiter nun davor, den Kopf in den Sand zu stecken: "Lasst uns auf unserem Erfolg aufbauen. Ihr seid die Hoffnung Ägyptens. Es ist noch nicht vorbei." Die Facebook-Generation, die nun das Gefühl hat, die Islamisten hätten ihre Revolution gekapert, hofft auf einen Umschwung in den nächsten zwei Wahlrunden, in denen die Ägypter der restlichen 18 von insgesamt 27 Provinzen wählen sollen. "In Oberägypten werden die Muslimbrüder nicht so gut abschneiden", erklärte ein junger Revolutionär. Eine ägyptische Journalistin schimpfte: "Die Partei der Muslimbrüder mit ihrer mangelnden Integrität und ihren schmutzigen Spielchen ist die neue NDP."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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