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AUFGEKEHRT
Markus L. Blömeke
Danke, liebes Krisenjahr!

Ältere Semester wissen es aus Erfahrung: Vor der Krise ist nach der Krise. Kuba-Krise, Russland-Krise, Suez-Krise, Tequila-Krise; nicht zu vergessen Aids, die neue Eiszeit und BSE - alles ist schon mal dagewesen. Während die Generation Golf wenigstens noch substanziellen Fragen nachgehen konnte (Barbour-Jacke oder nicht?), schüttelt eine gewisse Verwirrung derzeit die Bevölkerung durch: Ein Erdnuss-Schoko-Riegel für 80 Eurocent statt für 50 Pfennige, ist das diese Preisstabilität? Und wie genau sieht's aus, wenn die vorbei ist?

Natürlich verändert die Krise uns alle. Die schlechte Nachricht zuerst: Banken und Versicherungen sorgen nicht mehr für Wohlstand und Sicherheit für alle. Wirklich nicht. Jetzt die gute: Alle Banken und Versicherungen sind jetzt systemrelevant; ihren Job übernimmt auf ewig der Staat. Geld gibt's fortan für jeden, der bei den Kids zuhause bleibt oder ihretwegen lieber zur Arbeit geht; für Klimaschutz und für Kohlekraftwerke und natürlich für jeden, der zuviel oder zuwenig verdient. Und das beste: Heizöl ist endlich mal so teuer, dass Subventionsbetrügerehepaare vor den Villen der Republik stöhnen müssen ob des hämischen Grinsens des Heizöltankwagenfahrers. Soziale Gerechtigkeit: Die Krise macht sie möglich.

Wer aufgrund autoritativer Informationen optimistisch sein will, der braucht nur den Duden. Das Wort "Krise", so lernen wir dort, kann übersetzt werden mit "Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt". Auf deutsch: Hast Du eine ordentliche Krise, ist das Schlimmste schon geschafft. Sollte sich zeigen, dass das nicht stimmt, ließe sich notfalls immer noch die Duden-Redaktion besetzen. Noch eine gute Nachricht zum Schluss: Erlöse aus der Rückgabe von Pfandflaschen bleiben bis auf Weiteres steuerfrei. Weihnachten vorerst ebenfalls. In diesem Sinne: Frohe Vorweihnachtszeit!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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