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Gastkommentar
Heike Haarhoff
Chance vertan

Immerhin das Problem hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erkannt: Es gibt in Deutschland erhebliche regionale Unterschiede in der ärztlichen Versorgung. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern ein Arbeitsauftrag für jeden Politiker, der die grundgesetzlich garantierten gleichwertigen Lebensverhältnisse ein bisschen ernst nimmt.

Das neue Versorgungsstrukturgesetz setzt jedoch die falschen Anreize. Denn warum weigern sich Ärzte, sich auf dem Land niederzulassen? Weil ihre akademischen Ehepartner hier keine qualifizierten Jobs finden und ihre Kinder nicht die Schule, die den Eltern vorschwebt. Schon gut: Auf diese Faktoren hat ein Minister kaum Einfluss.

Dem gewichtigsten Grund für die Weigerung vieler Mediziner aber hätte die Koalition etwas entgegensetzen können: der ungerechten Honorierung ärztlicher Leistungen, die sich in Deutschland nicht nach der Intensität der Behandlung, sondern einzig nach dem Versichertenstatus des Patienten richtet. Diese Chance wurde vertan.

Die Grenze zwischen attraktiver und unattraktiver Gegend verläuft nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen privat und gesetzlich Versicherten. Der Starnberger See, eine der bestversorgten Regionen der Republik, ist der beste Beweis dafür, dass ländliche Gebiete mit hohem Rentneranteil und entsprechendem Krankenstand durchaus Ärzte anlocken, wenn nur der Anteil von Privatversicherten stimmt und damit die Einnahmenseite.

Eine veritable Reform würde auf die Abschaffung dieser Zweiklassenmedizin zielen. Das wäre ein wirklicher Anreiz für Ärzte, Patienten entsprechend ihrer Bedürftigkeit zu behandeln und nicht nach ihrem Geldbeutel. Die flächendeckende Verteilung ergäbe sich, jede Wette, von selbst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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