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Parlamentarisches Profil
Monika Pilath
Pragmatiker mit Sozialmotor: Edgar Franke

Wenn Edgar Franke in seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus Besuch empfängt, schaut ihn ein großer alter Mann Hessens gütig durch eine schwarze Hornbrille an. Ein bisschen angegilbt ist es zwar schon, das Bild des langjährigen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn (SPD), das an der Wand gleich neben der Tür hängt. Aber Tradition verpflichtet. "Mein Vorgänger als SPD-Abgeordneter des nordhessischen Schwalm-Eder-Kreises, Gerd Höfer, hat mir das Bild vermacht, und der hat es von seinem Vorgänger", erzählt Franke ein wenig atemlos, als er sein Büro im Eilschritt betritt. Schon sein Vater August Franke, der für die SPD im hessischen Landtag saß, kannte Zinn persönlich. "Vater war 25 Jahre lang Landrat im Schwalm-Eder-Kreis, das prägt", sagt der 51-Jährige.

Tradition verpflichtet, aber diese Woche ist keine Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen. Auf der Tagesordnung des Bundestages steht mit dem Versorgungsstrukturgesetz eines der umfangreichsten gesundheitspolitischen Reformgesetze der laufenden Legislaturperiode. Als promovierter Jurist und Sozialrechtskenner ist Franke bei seinen Fraktionskollegen dieser Tage daher ein besonders gefragter Mann. "Edgar, wie ist denn das?" - diese Frage höre er gerade oft, erzählt Franke schmunzelnd.

An diesem Mittwoch ist für ihn mal wieder Joggen angesagt. Nicht wie sonst "regelmäßig an der Spree entlang", sondern vom Rechtsausschuss in den Gesundheitsausschuss und zurück, die parallel tagen. Der passionierte Skifahrer gehört beiden Ausschüssen an. Auch wenn diese Doppelarbeit ganz schön stressig sei, an der "Schnittstelle von Verfassungsrecht, öffenlichem Recht und Sozialrecht" fühle er sich "pudelwohl" und könne seine fachlichen Kompetenzen gezielt einsetzen, sagt Franke.

Berufliche Erfahrungen hat der mit einer Juristin verheiratete Vater zweier Töchter im Alter von elf und 15 Jahren reichlich gesammelt. In der SPD-Fraktion gehört Franke mit zwei Jahren Parlamentszugehörigkeit zwar zu "den Neuen". Als Sozialrechtler aber ist er ein alter Hase. Nach kurzer Tätigkeit als Rechtsanwalt arbeitete er in den 1990er Jahren zunächst beim Dachverband der Berufsgenossenschaften, war dann Rektor und Professor an der Hochschule der gesetzlichen Unfallversicherung Bad Hersfeld. Unter anderem als Herausgeber eines Standardkommentars zum Siebten Sozialgesetzbuch hat er sich wissenschaftlich einen Namen gemacht. Ins Schwärmen kommt Franke, wenn er von seiner zehnjährigen Amtszeit als Bürgermeiser der Stadt Gudensberg erzählt, die 2009 mit dem Wechsel nach Berlin endete. "Wenn Du als Bürgermeister eine Entscheidung triffst, merkst Du die Auswirkungen sofort. Du musst Dich immer gleich vor den Leuten verantworten. Das erdet", sagt Franke.

Diese Erdung vermisst er bei einigen Abgeordneten. "Ich rieche förmlich, ob jemand Berufserfahrung hat oder nicht." Ihm seien Kollegen suspekt, "die nach 15 Semestern Politikwissenschaft und fünf Rhetorik-Kursen gleich in den Bundestag einziehen und meinen, den Menschen die Welt erklären zu können", sagt Franke. In der Politk gehe es "eben nicht nur um das gut Gemeinte, sondern um das gut Gemachte". Sein Antrieb sei es, "wirtschaftliche Vernunft und sozialen Ausgleich" zusammenzubringen. Folgerichtig landete er im Bundestag bei den Seeheimern, dem Club der pragmatischen SPD-Abgeordneten. Inzwischen ist er in den Sprecherkreis der Seeheimer aufgestiegen.

Demnächst zieht Franke um, in den siebten Stock des Paul-Löbe-Hauses, "die Etage, in der auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und Generalsekretärin Andrea Nahles ihre Büros haben". Vielleicht fällt sein Blick dann etwas seltener auf Georg August Zinn, dessen Bild "natürlich wieder einen Platz bekommen wird". Denn die Fenster im neuen Arbeitsdomizil erlauben einen weiten Blick über die Stadt. "Abheben aber ist nicht", sagt Franke. Darin ist der "überzeugte Nordhesse", wie sich Franke selbst bezeichnet, dem früheren Ministerpräsidenten durchaus ähnlich. Denn der galt - typisch nordhessisch - auch als zupackend und bodenständig. Damit könne er sich gut identifizieren, sagt Franke und eilt zum nächsten Termin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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