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AUFGEKEHRT
Helmut Stoltenberg
Austrias Töchter rebellieren

Müssen Sie auch manchmal innerlich schmunzeln angesichts all der gleichstellungspolitisch korrekten Sprachverrenkungen? "Bürgerinnen und Bürger" ist ja okay, aber wer sagt schon "PfarrerInnen", "Azubinen und Azubis" oder gar "Hündinnen und Hunde"?

Auf Neuhochdeutsch "gegenderte" Sprachschöpfungen sind auch auf parlamentarischer Ebene zu finden. Besondere Verdienste um geschlechtergerechte Formulierungen hat sich jetzt Österreichs Parlament erworben: Mit klarer Mehrheit beschloss es, die Nationalhymne so zu ändern, dass künftig Austrias Männlein wie Weiblein gleichermaßen besungen werden können: Statt "Heimat bist du großer Söhne" heißt es nun "Heimat großer Töchter und Söhne", und statt "in Bruderchören" sollen die Österreicher in Zukunft in "Jubelchören" ihrem "Vaterland" (sic!) Treue schwören.

Kommt jetzt auch eine Debatte über die deutsche Nationalhymne? Schließlich sind wir dort aufgefordert, "alle" nach "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" zu streben, und zwar "brüderlich mit Herz und Hand". Das klingt schön, ist aber unlogisch: Entweder streben wir "alle", also Mütter, Schwestern, Töchter inklusive, oder nix schwesterlich, sondern nur brüderlich unter Ausschluss der weiblichen Bevölkerung.

Gut übrigens, dass als Europahymne nur die Melodie aus Beethovens 9. Sinfonie verwendet wird ohne Schillers "Ode an die Freude" - heißt es doch in dem von Beethoven vertonten Text: "Alle Menschen werden Brüder". Das wäre sonst womöglich ein Fall für das Europäische Parlament.

A propos Parlament und Demokratie: Da entscheidet ja die Mehrheit - und die stellt in Österreich, Deutschland und der EU das weibliche Geschlecht. Seien wir Männer also dankbar, dass uns die Österreicherinnen nicht ganz aus der Hymne gestrichen haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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