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Susanne Kailitz
Brot und Märchen

KULTUR Opposition fordert konkrete Schritte zur Ratifizierung des Unesco-Übereinkommens zum immateriellen Kulturerbe

Das Schwarzbrot gehört dazu, das Bier, die Volksfeste und natürlich auch die Märchen: Die Liste des "immateriellen Kulturguts" der Deutschen ist lang. Allerdings ist sie noch nicht offiziell. Anders als inzwischen 139 andere Staaten ist die Bundesrepublik bislang noch nicht dem Unesco-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes beigetreten.

Das Übereinkommen definiert "Praktiken, Darbietungen, Ausdrucksformen, Kenntnisse und Fähigkeiten - sowie die damit verbundenen Instrumente, Objekte, Artefakte und Kulturräume - , die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Individuen als Bestandteile ihres Kulturerbes ansehen". All dies soll bewahrt und geschützt werden; so sieht es das Übereinkommen vor, das die Generalkonferenz der Unesco im Oktober 2003 in Paris beschlossen hat und das nach der Ratifizierung durch 30 Unesco-Mitgliedstaaten seit dem 20. April 2006 in Kraft ist. Und geht es nach den Abgeordneten des Bundestags, soll Deutschland das Übereinkommen besser früher als später ratifizieren. Das wurde in einer Debatte am vergangenen Donnerstag deutlich.

Ratifizierung vorantreiben

Trotz des gemeinsamen Ziels konnten die Fraktionen sich nicht auf einen gemeinsamen Weg verständigen: Während der Bundestag mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen einem Antrag von Union und FDP (17/6314) zustimmte, in dem gefordert wird, die Ratifizierung der Konvention voranzutreiben, verweigerte er einem Antrag der Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen (17/6301) die Zustimmung, der dafür konkrete Fristen und Arbeitsschritte definiert. Damit folgten die Parlamentarier einer Beschlussempfehlung des Kulturausschusses (17/8121).

In der grundsätzlichen Begeisterung für das immaterielle Kulturerbe sind sich die Abgeordneten einig. Warum, so fragte etwa der kulturpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Wolfgang Börnsen, sollten die "einzigartigen deutschen Brotsorten" nicht wie das kroatische Ingwerbrot Eingang in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit finden? Deutschland tue sich schwer damit, sich einem "umfassenden Kulturbegriff" zu öffnen, wie er weltweit praktiziert werde. Das immaterielle Kulturerbe umfasse nicht die "in Stein gemeißelten großartigen Zeugnisse der Vergangenheit", sondern die "Kulturmauerblümchen", die so wichtig seien für die kulturelle Identität eines Landes.

Auch der kulturpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Reiner Deutschmann, betonte, das Schutzsiegel der Unesco sei ein "Gütesiegel ersten Ranges". Beispiele wie das der Sorben in Sachsen und Brandenburg zeigten, wie wichtig - und schwer - es sei, die kulturelle Identität durch Traditionspflege zu erhalten.

»Unverzügliche Umsetzung«

Davon ist auch die Opposition überzeugt - sie allerdings wirft Union und FDP vor, in ihrem Antrag viel zu schwammig zu sein. Sie frage sich, sagte Lukrezia Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Linken, wie lange die Koalition noch mit "viel Wortgeschwall" fordern werde, die Ratifizierung voranzutreiben, ohne Taten folgen zu lassen. Die Zustimmung ihrer Fraktion zu dem Vorhaben gebe es bereits seit fünf Jahren, auch die Fraktionen von SPD und Grünen hätten gezeigt, dass sie das gleiche Ziel verfolgten und in ihrem gemeinsamen Antrag bereits konkrete Schritte genannt.

Tatsächlich drücken SPD und Bündnis 90/Die Grünen aufs Tempo. Sie wollen, dass die Bundesrepublik das Übereinkommen bis Ende 2012 ratifiziert und sich in dem dafür nötigen Abstimmungsprozess mit den Ländern und Kommunen über eine "qualitätssichernde Methodik" und ein bundesweit einheitliches Verfahren und klare Entscheidungskriterien für eine "nationale Inventarliste" verständigt. Wenn man wirklich wolle, dass nicht nur über die Ratifizierung der Konvention geredet werde, sondern auch für eine "unverzügliche Umsetzung" sei, müsse man dem rot-grünen Antrag zustimmen, betonte deshalb die SPD-Kulturpolitikerin Ulla Schmidt. Die einzigartigen regionalen Praktiken und Traditionen, die gesamte "föderale Vielfalt" sei Teil einer "lebendigen Alltagskultur".

Für die Grünen stellte ihre kulturpolitische Sprecherin Agnes Krumwiede fest, dabei dürfe es keine "ideologisch und politisch motivierte Ausgrenzungstendenzen geben" - es sei vielmehr nötig, auch die Traditionen von Minderheiten zu bewahren. Daher sei es sinnvoll, über das Aufnahmekriterium der "Schutzbedürftigkeit" nachzudenken.

Eine bunte Liste Erhaltenswertes

Die bisherige Liste des immateriellen Kulturerbes ist bunt: Aufgenommen wurden zum Beispiel die Akupunktur aus China, die mediterrane Küche Spaniens, Griechenlands, Italiens und Marokkos, der polyphone Gesang aus Georgien, die japanische und chinesische Seidenproduktion und der argentinische Tango. Für die Unesco ist klar: "Kulturelle Vielfalt spiegelt sich nicht nur in prachtvollen Palästen, Kathedralen und musealen Stadtensembles, sondern auch in lebendigen Ausdrucksformen" - und weil diese Kulturformen durch Globalisierungseinflüsse zunehmend verloren gingen, müsse man sie erhalten. Sie seien die "Triebfeder kultureller Vielfalt und Garant der nachhaltigen Entwicklung".

Geht es nach den Schaustellern des Münchner Oktoberfests, darf auch dieser Liste künftig eines keinesfalls fehlen: die Wiesn. Ob dann auch deren Motto "Oans, zwo, gsuffa!" als bewahrenswertes Kulturgut niedergeschrieben wird, muss vermutlich noch diskutiert werden. Susanne Kailitz z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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