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Sophie Mühlmann
Auf Kim folgt Kim

NORDKOREA Nach dem Tod des »geliebten Führers« bleibt die Herrschaft in der Hand seiner Dynastie

Staatstrauer in Nordkorea: Menschenmassen, die in Reih' und Glied hysterisch weinen; Männer und Frauen, die sich auf die Brust schlagen und vor Gram die Stirn auf den nackten Asphalt schlagen: Der "geliebte Führer" Kim Jong-il ist tot, überraschend gestorben am 17. Dezember an einem Herzinfarkt in seinem gepanzerten Luxuszug. Er sei "extremen mentalen und physischen Belastungen ausgesetzt gewesen, verursacht durch seine ununterbrochene Führungstour beim Aufbau einer blühenden Nation", hieß es in der nordkoreanischen Staatspresse.

Zwischenzeitlich lag der tote Diktator aufgebahrt in einem gläsernen Sarg, gebettet auf weißen und roten Blüten, im Kumsusan-Palast in der Hauptstadt Pjöngjang. Zwei Tage hatte die Führung geschwiegen und derweil wohl erst einmal die Machtverhältnisse geklärt, erst dann ließ sie den Tod des "geliebten Führers" verkünden. An der Spitze des 232 Mitglieder starken Beerdigungskommittees steht der dritte Sohn des Verstorbenen, Kim Jong-un. Zumindest nach außen hin ist dies ein Hinweis, dass dem Wunsch des toten Führers Folge geleistet und sein Jüngster ihn an der Spitze des isolierten Staates beerben soll.

Südkoreanische Medien fragen, ob der unerfahrene Endzwanziger tatsächlich in der Lage sein wird, die Fäden in der Hand zu halten. Südkoreas Geheimdienst, schreibt die Tageszeitung Chosun Ilbo, befürchtet einen Machtkampf zwischen Kim Jong-un und dem Schwager des verstorbenen Diktators, Jang Song-taek. Dieser ist die Nummer Zwei in Nordkorea. Die Nachrichtengantur Reuters zitierte Informantionen aus Nord- und Südkorea, nach denen der junge Kim gemeinsam mit Song-taek und dem Militär herrschen werde.

Sorgen der Nachbarn Auch Peking macht sich Sorgen um die Stabilität im Nachbarland. Chinas designierter Premierminister Li Keqiang traf Vater und Sohn Kim jüngst noch beim Staatsbesuch in Pjöngjang. Kim Jong-un nahm damals allerdings nur an repräsentativen Terminen teil. In die aktuelle Außenpolitik war er kein bisschen involviert. Experten sagen, dass das Machtfundament des Sohnes noch allzu schwach sei. Nun wird der jüngste Kim wohl eher als eine Art Marionette für alte Kader wie seinen Onkel Jang Song-taek und die mächtigen greisen Generäle dienen, die die Regionen Nordkoreas kontrollieren.

Zuletzt hatte Nordkorea seine Kriegrethorik deutlich gemäßigt. Einen dritten Atomtest hatte die Regierung offenbar erst einmal gestoppt, und stattdessen bei Südkorea und den USA um Nahrungsmittelhilfe gebeten. In der vergangenen Woche hätte eigentlich Amerikas neuer Sondergesandter für Nordkorea, Glyn Davies, hochrangige Kader aus Pjöngjang in Peking treffen sollen. Washington hatte gehofft, die Atomverhandlungen wieder aufnehmen und womöglich positive Zusagen als Gegenleistung für Nahrungshilfe erreichen zu können. Doch all dies wird nun wohl erst einmal auf Eis gelegt, bis in Pjöngjang klar ist, wer das Sagen hat. Gut möglich, befürchten die Experten, dass das Regime nun erst einmal wieder mit dem Säbel rasselt, um zu beweisen, dass es fest im Sattel sitzt.

Südkorea hatte sofort nach der Nachricht vom Tod Kim Jong-ils seine Armee in höchste Alarmstufe versetzt. Gleichzeitig hatte Seoul sich direkt mit seinem strategischen Verbündeten Washington in Verbindung gesetzt. US-Außenministerin Hillary Clinton diskutierte mit ihrem japanischen Amtskollegen Koichiro Gemba die Lage per Telefon. Alle drei Staaten betonten ihr Interesse an einem friedlichen Übergang und einer stabilen koreanischen Halbinsel. China hingegen fürchtet sich vor neuen Flüchtlingsströmen und bangt um Mineralimporte aus Nordkorea. Chaos jenseits der rund 1.000 Kilometer langen gemeinsamen Grenze wäre schlecht für Peking.

"Die Regierungen in der Region werden Nordkorea genau im Auge behalten und sich für eine Vielfalt von Szenarien vorbereiten", sagt Sarah McDowall, Asien-Pazifik-Analystin beim Beratungsunternehmen IHS Global Insight. "Kims Tod wird auch bei derzeitigen geopolitischen und strategischen Verschiebungen eine Rolle spielen." Washington werde seine Strategie verstärken, sein Engagement in der Region zu vertiefen, während Chinas Wahrnehmung einer drohenden anti-chinesischen Eindämmungspolitik der USA wiederum dazu führen werde, dass Peking ein enger Freund seines langjährigen Verbündeten Nordkorea bleiben wird.

Alte Feinde und Verbündete werden nun abwarten müssen: Stellen sich die Kader hinter Kim Jong-un und regieren im Hintergrund, wird der Status Quo weitgehend erhalten bleiben, Nordkorea bliebe isoliert. Sollte der neue Mann an der Spitze womöglich graduell wirtschaftliche Reformen anstoßen, könnte sogar eine schrittweise Liberalisierung stattfinden. Sollte es aber zu einem Machtkampf innerhalb der Partei kommen, könnte das sogar einen Bürgerkrieg auslösen. In diesem Fall würden sich wohl die USA und Südkorea verpflichtet fühlen, zu intervenieren.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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