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Tatjana Heid
FÜNF FRAGEN ZUR: LESE- UND SCHREIBKOMPETENZ

In Deutschland leben fast zehn Millionen Menschen, die nur unzureichend lesen und schreiben können. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Es gibt in allen Wissensgesellschaften das Phänomen, dass Erwachsene keine ausreichenden Lese- und Schreibkompetenzen haben, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Insofern ist das keine deutschlandspezifische Situation. Aber wir tun uns besonders schwer damit, Hilfen für Betroffene umzusetzen.

Wo liegen die größten Defizite im Umgang mit Analphabetismus?

Die größten Defizite bestehen darin, Erwachsene zu motivieren, Lernangebote wahrzunehmen. Dort wird zu wenig gemacht. Es ist auch ein Problem, dass Menschen ohne Arbeit kaum intensive Lernmöglichkeiten haben. Hier gibt es keine Finanzierung. Außerdem brauchen wir nicht nur einzelne Projekte, sondern eine verlässliche Infrastruktur für die Alphabetisierungsarbeit.

Viele Betroffene schämen sich. Wie kann man sie erreichen?

Es ist wichtig, dass die Betroffene sich selbst für ihre Interessen und die ihrer Mitbetroffenen einsetzen. Hier gibt es gute Ansätze. So wird dem Vorurteil begegnet, diese Menschen seien weniger intelligent. Sie sind - auch notgedrungen - sehr clever, schließlich bewältigen sie eine doppelte Herausforderung: Sie müssen den Anforderungen der schriftlichen Welt gerecht werden, und das so organisieren, dass ihre Probleme nicht auffallen.

Welche Ursachen hat Analphabetismus?

Manche Jugendliche verlassen die Schulen ohne ausreichend lesen und schreiben zu können. Das liegt zwar auch an den Schulen, dennoch müssen wir feststellen, dass die Chance auf Bildung sozial vererbt wird. Hier muss die Gesellschaft kompensatorisch eingreifen: Alle Bildungseinrichtungen vom Kindergarten an müssen einen Beitrag leisten. Das Problem wird sonst von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Dieses Schwarze-Peter-Spiel können wir uns nicht leisten.

Regierung und Länder planen 2012 einen Grundbildungspakt zur Förderung der Alphabetisierung. Wie bewerten Sie das Konzept?

Der Pakt ist eine historische Chance. Allerdings verhindert das Kooperationsverbot nach wie vor ein konsistentes Angebot. Die Länder werden hoffentlich demnächst mehr tun als bisher und der Bund wird weitere Projekte fördern. Aber zusätzlich muss ein dritter Bereich in den Blick genommen werden, der bundesweit die Ansprache und Beratung von Betroffenen sowie eine Medienkampagne etabliert. Das ist keine Sache, die länderweise erfolgen kann oder die projektbezogen in wenigen Jahren abgearbeitet ist. Diese Vorhaben müssen die Pfeiler der Alphabetisierungsarbeit werden. Aber eine Verzahnung ist noch nicht erkennbar.

Die Fragen stellte Tatjana Heid.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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