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Ursula Amtage, Paris
Sorge im Élysée-Palast

FRANKREICH Konkurrenz wächst vor Präsidentschaftswahl

Rund vier Monate vor der Präsidentschaftswahl ist noch völlig offen, wer Frankreich künftig führen und regieren wird. Der Amtsinhaber Nicolas Sarkozy strebt ein zweites Mandat an, hat seine Kandidatur aber noch nicht offiziell erklärt. Dies wird für Ende Januar erwartet. Sarkozys aussichtsreichster Herausforderer ist der Sozialist Francois Hollande. Der frühere Chef der Parti Socialiste (PS), der über keine Regierungserfahrung verfügt, setzte sich im Oktober in einer für alle Franzosen offenen Urwahl gegen vier Konkurrenten aus der PS und einer linken Splitterpartei durch. Einer repräsentativen Umfrage von Mitte Dezember zufolge käme Hollande im ersten Wahlgang auf 27 Prozent der Stimmen vor Sarkozy mit 24 Prozent. Bei einer Stichwahl zwischen beiden würde sich Hollande mit 57 Prozent gegenüber Sarkozy mit 43 Prozent durchsetzen.

Knappe Entscheidung

Doch alles kann auch ganz anders kommen. Denn die Konkurrenz der Kandidaten ist groß. Über ein Dutzend Interessenten haben sich schon gemeldet. Nicht alle werden tatsächlich antreten können. Denn zur Kandidatur brauchen sie jeweils die Unterschriften von 500 Abgeordneten oder Bürgermeistern aus 30 Departements. Und die wird nicht jeder von ihnen bekommen. Dennoch werden sich die Stimmen vom linken wie rechten Wählerspektrum auf eine Vielzahl von Kandidaten aufsplittern - wie bereits 2002 auf 16 Kandidaten und 2007 auf zwölf.

Auch Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National sammelt Unterschriften für ihre Kandidatur. Die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen käme der Umfrage zufolge derzeit auf 16 Prozent der Stimmen. Mit einem national-patriotischen Wahlkampf gegen Ausländer und gegen den Euro rechnet sie sich gute Chancen aus, den Überraschungscoup ihres Vaters zu wiederholen. Der hatte es in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 2002 völlig unerwartet geschafft, den sozialistischen Favoriten und Premier Lionel Jospin aus dem Rennen zu werfen.

Im Lager von Präsident Nicolas Sarkozy geht unterdessen die Angst um, der Staatschef selber könnte es womöglich gar nicht in die zweite Wahlrunde schaffen. Mit Sorge verfolgt der Elysée, dass sich immer mehr Kandidaten der Mitte melden, so etwa Ex-Premier Dominique de Villepin und vor allem der christdemokratisch-liberale Francois Bayrou. Der frühere Erziehungsminister - ein überzeugter Europäer -, der schon seit Jahren für den Abbau der öffentlichen Schuldenberge wirbt, schaffte es in knapp zwei Wochen auf 14 Prozent der Wählergunst. Politische Beobachter halten es deshalb durchaus für möglich, dass die Entscheidung in der ersten Runde sehr knapp ausfällt bei jeweils rund 20 Prozent für Sarkozy, Hollande, Le Pen und Bayrou. Dann wären für die zweite Runde alle Kombinationen vorstellbar.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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