Inhalt

Alexander Weinlein
Deutschlands Soldaten kämpfen an der Familienfront

BUNDESWEHR Jahresbericht des Wehrbeauftragten kritisiert Mängel in der Ausbildung. Der Dienst soll attraktiver werden

Die Szene könnte der berühmten "08/15"-Trilogie des Schriftstellers Hans Hellmut Kirst entstammen: Soldaten müssen einen alten Lagerbestand von 227 Millionen Schuss Munition einzeln und per Hand auspacken, auf Korrosionsschäden prüfen und sortieren. Doch die absurd klingende Geschichte ist keine literarische Verarbeitung des Soldatendaseins vergangener Zeiten, sondern entstammt dem aktuellen Jahresbericht des Wehrbeauftragten des Bundestags, Hellmut Königshaus.

Kritik des Rechnungshofes

Hinter der Geschichte, die zum Lachen reizt, steckt auch eher eine der traurigen Realitäten in der Bundeswehr, die Königshaus in seinem neuen Bericht (17/8400) in der vergangenen Woche veröffentlichte. Und so fiel die Kritik des Wehrbeauftragten auch entsprechend deutlich aus: "Eine bessere, kontinuierliche Bewirtschaftung der Munition hätte diese stupide Arbeit von vornherein verhindert", schreibt er in seinem Bericht. Und er fügt an: "Hinzu kommt der entstandene Schaden, der vom Bundesrechnungshof auf mindestens 63 Millionen Euro beziffert wird."

Das Unverständnis bei Königshaus ist auch deshalb so groß, weil es bei der Schießausbildung in Vorbereitung auf Auslandseinsätze im vergangenen Jahr zu erheblichen Einschränkungen wegen fehlender Munition kam. Gleichzeitig häuften sich wie bereits im Jahr zuvor die Unfälle mit geladenen Waffen im Einsatz. Engpässe musste Königshaus im vergangenen Jahr prinzipiell sehr oft gerade bei der einsatzvorbereitenden Ausbildung registrieren. Dieser Umstand ist für ihn angesichts der Gefährlichkeit der Auslandseinsätze nicht hinnehmbar. Im vergangenen Jahr verloren sieben Soldaten ihr Leben, 63 wurden verwundet, viele zum Teil schwer.

Die vom Rechnungshof monierten 63 Millionen Euro werden der Truppe fehlen, um ihre drängenden Probleme zu lösen: bei der Beschaffung von dringend benötigtem Material in den Auslandseinsätzen, bei der Sanierung von Kasernen oder um die Streitkräfte familiengerechter zu gestalten.

Eingaben

Vor allem am letzten Punkt hat Königshaus einiges zu bemängeln. Das heißt, nicht er bemängelt es vorrangig, sondern die Soldaten und Soldatinnen, die sich mit ihren Sorgen, Nöten und Frustrationen an den Wehrbeauftragten unter Umgehung des Dienstweges wenden können oder ihm dies bei seinen Truppenbesuchen im In- und Ausland erzählen können. Auch im vergangenen Jahr haben die Soldaten vom Rekruten bis zum General ausgiebig von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Zwar sank die absolute Zahl der Eingaben beim Wehrbeauftragten leicht von 4.976 im Jahr 2010 auf 4.864. Gleichzeitig wurde die Truppenstärke aber durch die Aussetzung der Wehrpflicht um rund 40.000 Soldaten deutlich verkleinert. Unter dem Strich stieg die Zahl der Eingaben prozentual.

Pendler-Problem

Ein Problem ist: In Deutschlands Soldatenfamilien und -beziehungen scheint es ordentlich zu kriseln. Die Trennungs- und Scheidungsrate liege in manchen Einheiten bei bis zu 80 Prozent, so Königshaus. Ausgelöst werde dies unter anderem durch zu lange und häufige Trennungen der Soldaten von ihren Partnern und Familien. Rund 70 Prozent der Uniformierten müssten zwischen Wohn- und Dienstort pendeln. Hinzu kommen nach Aussagen des Wehrbeauftragten lange Abwesenheiten durch Ausbildung fern der Heimat oder Einsätze im Ausland. Außerdem mangele es an Betreuungsplätzen für die Kinder Soldaten an den Standorten.

Wenn die Bundeswehr genügend Nachwuchs für den Dienst an der Waffe finden will, dann müsse sie deutlich attraktiver und familienfreundlicher werden, mahnt Königshaus. Und wenn sich die Soldaten kein familiäres und soziales Umfeld aufbauen könnten, dann sei das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform gefährdet.

Aber der Wehrbeauftragte kann sich zumindest sicher sein, dass seine Arbeit auch Früchte trägt. So verbesserte der Bundestag im vergangenen Jahr in seltener und fraktionsübergreifender Eintracht die Versorgung verwundeter und traumatisierter Soldaten beziehungsweise der Hinterbliebenen gefallener Soldaten. Dies hatten Königshaus und sein Vorgänger Reinhold Robbe vom Gesetzgeber immer wieder gefordert. Erfolge verzeichnete er auch bei der Ausrüstung des deutschen Isaf-Kontingentes in Afghanistan mit einer größeren Zahl geschützter und besser bewaffneter Fahrzeuge.

Trotzdem bleibt die Liste der Baustellen, auf denen Königshaus arbeiten muss, lang. Noch immer mangelt es an genügend Psychologen und Psychiatern, um die steigende Zahl traumatisierter Soldaten zu behandeln. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Bundeswehr einen neuen Höchststand von 922 Fällen. Überhaupt leidet das Sanitätswesen seit Jahren unter fehlendem Nachwuchs. Und in Afghanistan wartet die Truppe - ebenfalls seit Jahren - auf die zugesagten neuen Hubschrauber. All das sind die 08/15-Geschichten der Bundeswehr von heute.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag