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AUFGEKEHRT
Hans-Jürgen Leersch
Babette am Rechner

In einem Abgeordnetenbüro in Karlsruhe hatte eine kleine Ursache große Wirkung. Eine junge Dame mit dem Namen Babette war offenbar mit den Gedanken nicht bei der Sache, drückte am Computer den falschen Knopf und löste eine Datenlawine aus, die im fernen Berlin den Server des Deutschen Bundestages erschütterte.

Es begann mit guten Absichten. Das Büchlein "Kürschners Handbuch - Gesetzliche Grundlagen, Geschäftsordnungen" war erschienen, und per Rundmail wurden alle Büros der Abgeordneten in Berlin und in den Wahlkreisen, alle Fraktionen und die Verwaltung darüber informiert. Babette bat ihre Kollegin im Berliner Büro: "Liebe Britta, wenn Ihr Euch eindeckt, bringt Ihr mir eins mit?" Ihr Fehler bestand darin, die Antwortfunktion der Mail aufzurufen und dann "an alle" zu schicken. Knapp 5.000 Empfänger waren über Babettes Bücherwunsch informiert: Das Echo war enorm. Hunderte Schreiber wollten am "Kürschnerkolletiv" teilnehmen, schickten sich sogar Fotos vom Mittagessen, ließen "Grüße auch an meine Mutti" ausrichten und freuten sich über die Mailflut: "Also, ich find die Sache bisher großartig. Wir sollten das einmal im Monat durchführen, das verbindet!" Zu gewinnen gab es schließlich auch was: Ein Büro verloste zwei Karten für ein Handballspiel, ein anderes legte "noch sieben Pfannkuchen drauf", und ein drittes Büro wollte zu den Ursprüngen zurück: "Wer ist denn dieser Herr Kürschner?"

Die Freude war geteilt: "Jetzt reicht es aber!", schrieb einer. Rund 850.000 Mails dürften in den Briefkästen aller Mitarbeiter gelandet sein. Bei Twitter und Facebook verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer als "Kürschnergate". Babette kam sogar in die TV-Nachrichten. Nachdem alle Mails gelöscht sind, denkt man wieder an den alten Satz, dass das größte Computerproblem stets vor dem Bildschirm sitzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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