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ORTSTERMIN: BEI DER AUSSTELLUNG »FIEDERUNGEN«
Sandra Schmid
»Leben und Überleben«

Sie wirken leicht und filigran - und wurden doch mit schwerem Gerät gefertigt: Gabriele von Lutzau formt ihre Skulpturen mit Flammenwerfer und Kettensäge. Aus verdreht verwachsenen Laubbäumen oder Baumwurzeln erschafft die 1954 geborene Bildhauerin eine Heerschar von sogenannten "Wächterinnen" sowie stilisierten Vögeln, die sie selbst "Lebenszeichen" nennt. Eine Auswahl ihrer Werke unter dem Titel "Fiederungen" präsentiert der Bundestag vom 28. Januar bis zum 24. Februar 2012 im Paul-Löbe-Haus in Berlin. Ob meterhoch- oder breit, von Lutzaus Skulpturen sollen Zeugen für Befreiung und Freiheit sein. "Ihre Botschaft ist Leben und Überleben", sagt die in Michelstadt im Odenwald lebende Künstlerin.

Es ist ihr eigenes Lebensmotto: 1977 war die damals 23-jährige Gabriele Dillmann Stewardess in der von palästinensischen Terroristen nach Mogadischu entführten und später von der GSG 9 befreiten Lufthansa-Maschine "Landshut". Dieses Trauma bewältigte von Lutzau später in ihrer Kunst. Sie wolle der Angst Freiheit und Leichtigkeit entgegensetzen, sagte sie einmal. Leben und Überleben - das sei eine Botschaft, die gut zu diesem Tag passe, betonte Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms (FDP), der die Ausstellung am vergangenen Freitag eröffnete. "Auf den Tag 67 Jahre ist es her", betonte Solms, "dass das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von Soldaten der Roten Armee befreit wurde." Seit 1996 erinnere deshalb der Bundestag in einer Gedenkstunde an die Millionen Menschen, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.

Auch von Lutzaus Skulptur "Buchenwald" ist dem Gedenken gewidmet: Ein Flügel, gesägt aus dem Holz einer Buche, die an der Wegkreuzung der so genannten Blutstraße am Konzentrationslager Buchenwald stand. Der Baum sei ihr beim Besuch des KZs sofort ins Auge gesprungen, so von Lutzau, die bei der Eröffnung der Ausstellung selbst das Wort ergriff. "Der Baum stand da, vom Blitz in der Mitte getroffen wie ein riesiger, gerade gelandeter Vogel". Als er drei Jahre später austrocknete und gefällt werden musste, war der Künstlerin sofort klar, dass sie aus seinem Holz eine Schwinge gestalten wollte, "die über die Zeit und die Länder hinweg ein Zeichen setzen soll".

Dieser Flügel bildet nun das Zentrum der Ausstellung im Bundestag. Das Original aus Buchenholz, mit der eigenen Asche geschwärzt, hängt neben einem zweiten Flügel, einem Abguss des Original-Buchenflügels aus Bronze. "Ich hoffe, dass dieser Flügel einmal einen würdigen Platz hier in Deutschland findet und so eine Brücke schlägt zwischen Israel und unserem Land", sagte von Lutzau. Die Schwinge aus Buchenholz hat nämlich bereits ihren Platz gefunden - in Yad Vashem. Der Kunstsammlung der Holocaustgedenkstädte in Jerusalem soll die Skulptur im Anschluss an die Ausstellung übergeben werden. Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung, kündigte in seinem Grußwort an, den Transport des Flügels zu begleiten. "Freiheit und Befreiung sind ein Bedürfnis für Sie, Frau von Lutzau", sagte der frühere FDP-Vorsitzende. "Für mich sind sie es auch."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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