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Parlamentarisches Profil
Tatjana Heid
Kritischer Realo: Jan Korte

Die Tür zum Flur steht offen, an der Außenseite grüßt das bekannte puristische AC/DC-Plakat: rote Schrift auf schwarzem Grund, der Namenszug der australischen Rockband, fertig. "Beim Musikgeschmack bin ich sehr retro", sagt Jan Korte. "Aber das ist auch der einzige Bereich." Der 34-jährige Linke-Abgeordnete gilt als sogenannter Reformer und Realo - was ihn jedoch nicht davor bewahrt hat, in den Fokus des Verfassungsschutzes zu geraten. Nicht der einzige Umstand, der Korte in der vergangenen Woche einige wilde Tage bescherte: Montag wurde der Antisemitismusbericht vorgestellt. Dienstag fand Korte sich auf der Liste der Linke-Abgeordneten wieder, die der Verfassungsschutz beobachtet. Am Donnerstag gab es eine Aktuelle Stunde zu dem Thema, direkt im Anschluss setzte der Bundestag einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Neonazi-Morde ein. Freitag sprach Marcel Reich-Ranicki im Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Und von allem war Korte irgendwie betroffen: Seit 2005 ist er Abgeordneter des Bundestages, Mitglied im Innenausschuss, Datenschutzbeauftragter seiner Fraktion und stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe. Innenpolitik ist sein Herzensthema, die Verteidigung des demokratischen Rechtsstaats nennt er eine "Tagesaufgabe". Der studierte Politikwissenschaftler kommt aus einem politisch interessierten Elternhaus, wie er erzählt. Die Erinnerung an den Massenmord der Nazis ist für den Vater einer kleinen Tochter eine Verpflichtung - aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch, damit es sich niemals wiederholt.

Der Staat Israel sei durch Auschwitz zur Notwendigkeit geworden, sagt Korte. Die Linke und Israel - das ist ein schwieriges Thema. So weist der Antisemitismusbericht auch auf antisemitische Tendenzen im linken Milieu hin. Diese äußern sich meist in einer massiven Kritik an der israelischen Politik im Nahostkonflikt, die sich antisemitischer Klischees bedient - auch innerhalb der Fraktion. "Es gibt bei aller berechtigten Israel-Kritik in Teilen eine Form der Auseinandersetzung, die ich für überzogen und unangemessen halte", sagt Korte. Darüber werde weiterhin sowohl in der Fraktion als auch in der Partei diskutiert. Die Linke sei ein "verlässlicher Partner im Kampf gegen den Antisemitismus".

Verständnis für Vorwürfe, in seiner Partei gebe es verfassungsfeindliche Bestrebungen, hat Jan Korte nicht. "Es gibt keinen Passus im Grundgesetz, der den Kapitalismus vorschreibt", meint er. Es sei ein Gebot der Stunde, das kapitalistische System mit seinen Auswüchsen in Frage zu stellen. Die Beobachtung von 27 Bundestagsabgeordneten durch den Verfassungsschutz, vor allem die von Vizepräsidentin Petra Pau, nennt er einen "durch und durch antidemokratischen Akt". Für ihn als Abgeordneten habe es zudem praktische Auswirkungen: Die Wähler seines Wahlkreises hätten ein Recht darauf, dass ihre Anliegen mit dergleichen Verschwiegenheit wie von einem Arzt behandelt werden - "ohne dass andere mithören oder mitlesen".

Korte wurde 2009 im Wahlkreis Anhalt, nördlich von Halle, mit knapp einem Drittel der Stimmen direkt gewählt. Wieso es den gebürtigen Niedersachsen, der in Osnabrück geboren wurde und in Hannover studiert hat, nach Sachsen-Anhalt verschlagen hat? Das lässt sich mit den Strukturen der PDS erklären, zu der Korte 1999 von den Grünen wechselte: Da habe es die "Tradition gegeben, dass zwei, drei Wessis über Ost-Landeslisten in den Bundestag gewählt wurden".

In Kortes Bundestags-Büro in der Straße Unter den Linden erinnert ein großes, gerahmtes PDS-Plakat an diese "politisch tolle und spannende Zeit". Rechts davon steht ein Pokal: der erste Platz im Gemeinschaftsangeln des Anglervereins Bitterfeld im Jahr 2011. Er steht da wie eine Erinnerung, dass es nicht immer so hektisch zugehen muss wie im Berliner Politik-Betrieb. "Wenn sich Angler beim Angeln treffen, herrscht eine gewisse Wortkargheit", sagt Korte. Und auch wenn es sich der Nicht-Angler nur schwer vorstellen können: Wenn er angelt, dann denke er wirklich an nichts. Auch nicht an Politik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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