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Jörg Biallas
Der alte Mann und das Wort

NS-Opfer Beeindruckendes Gedenken zum 27. Januar mit Marcel Reich-Ranicki im Deutschen Bundestag

Nur das Klicken der Presse-Kameras stört die Andacht. Ansonsten ist es an diesem Freitagvormittag im Plenum des Bundestages still, mucksmäuschenstill. Gestützt von Bundestagspräsident Norbert Lammert betritt Marcel Reich-Ranicki den Saal. Hinter ihm Bundespräsident Christian Wullf neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, gefolgt von Bundesratspräsident Horst Seehofer und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle. Es dauert eine Weile, bis der 91-jährige Reich-Ranicki, dem das Gehen schwer fällt, geleitet von den Repräsentanten der Verfassungsorgane die vielleicht 50 Meter bis zu dem ihm zugedachten Platz geschafft hat. Wie ein Schleier der Anteilnahme legt sich über Parlamentarier und Gäste die Stille im Raum, die dem Anlass angemessen ist: Es gilt, am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.

Bundestagspräsident Lammert hatte den prominenten Literatur-Kritiker Reich-Ranicki als Redner eingeladen. Trotz seines hohen Alters war der der Einladung gern gefolgt. Und jetzt sitzt er vor dem Rednerpult, um mit manchmal brüchiger und trotzdem aussagekräftiger Stimme von seinen Erinnerungen zu berichten. Wie es damals war, als er, das dritte Kind deutsch-polnischer jüdischer Eltern und nach dem Abitur nach Warschau deportiert, als deutscher Übersetzer im "Judenrat" des Ghettos arbeitete. Als er am 22. Juli 1942 die von den Nazis verfügte "Umsiedlung" der Warschauer Juden, die in Wahrheit eine kaum getarnte Deportation in die Vernichtungslager war, übersetzen musste. Und wie es war, als er an jenem Tag, an dem "über die größte jüdische Stadt Europas das Urteil gefällt worden war, das Todesurteil", seine im vergangenen Jahr gestorbene Ehefrau Tosia hastig heiratete, um sie so vor dem Zugriff der Nazi zu schützen.

Nur wenige Monate später wurde auch die Deportation des Ehepaares Reich-Ranicki verfügt. In letzter Sekunde gelang ihnen die Flucht, mit gleichermaßen viel Mut und Glück. Sie überlebten, während die Eltern und der Bruder von Marcel Reich-Ranicki Opfer des Nazi-Terrors wurden.

Millionen Opfer

Das Schicksal der Familie stehe stellvertretend für das von Millionen Menschen, sagt Bundestagspräsident Lammert in seiner Begrüßungsrede. Er erinnert an all jene, "die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ausgegrenzt, gedemütigt, beraubt, vertrieben, verfolgt, gefoltert und ermordet wurden": neben Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Kranke, Zwangsarbeiter, Künstler und Wissenschaftler sowie aus rassistischen, politischen und religiösen Motiven Verfolgte.

Dann schlägt Lammert den Bogen in die Gegenwart, indem er auf die "Aufdeckung einer beispiellosen Mordserie", begangen von Neonazis, hinweist. Es müsse das Ziel sein, "dass in Deutschland alle Menschen frei und gleich und ohne Angst leben können". Es sei ermutigend, wenn überall im Land Zeichen gegen den Rechtsextremismus gesetzt werden mit der klaren Botschaft: "Wir dulden eure Diffamierungen, euren Hass nicht, schon gar nicht eure Gewalt." Applaus erfüllt den Saal, und allenthalben wird bestätigend genickt.

Und noch einmal brandet Beifall auf. Lammert zitiert aus dem Antisemitismus-Bericht, der dem Bundestag kürzlich vorgelegt worden ist. Demnach sind hierzulande 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch eingestellt (siehe Seite 3). "Das sind für Deutschland genau 20 Prozent zu viel!", sagt er bestimmt und erntet damit ausnahmslos Zuspruch.

Als der Bundespräsident und der Bundesverfassungsgerichtspräsident Marcel Reich-Ranicki später behilflich sind, das Rednerpult wieder zu verlassen, hat sich das Auditorium längst erhoben, um dem Vortragenden minutenlang zu applaudieren. Das Auftreten und das Wort dieses alten Mannes, der in jungen Jahren so viel Kraft zum Überleben einsetzen musste, haben ein faszinierendes Zusammenspiel, ja einen Einklang aus Vitalität und Vergänglichkeit vermittelt. Damit hat Marcel Reich-Ranicki der Nation eine Gedenkstunde beschert, die die Anteilnahme an den schrecklichen Ereignissen der Vergangenheit beeindruckend mit dem Leben in Gegenwart und Zukunft verknüpft.

Unter diesem Eindruck treffen sich unmittelbar danach 80 junge Menschen mit Lammert und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und ehemals Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Jugendlichen, die sich in ihrem Alltag für die Aufarbeitung der NS-Zeit einsetzen, haben auf Einladung des Bundestages an einem mehrtägigen Begegnungstreffen mit dem Thema "Berlin im Nationalsozialismus: Stadt der Täter - Stadt der Opfer" teilgenommen.

Jetzt lauschen sie dem Bundestagspräsidenten, der auf die Frage, wie der 27. Januar als Gedenktag in der Bevölkerung stärker verankert werden könnte, für viele überraschend antwortet: "Wir sollten die Bedeutung dieses Tages nicht überschätzen." Entscheidend sei, dass es hierzulande eine ausgeprägte Erinnerungskultur gebe. Immerhin werde der 27. Januar nicht nur im Deutschen Bundestag, sondern darüber hinaus auch in vielen Städten und Gemeinden gewürdigt.

Das sieht auch Charlotte Knobloch so. Einer aus der Runde angeregten republikweit ausgerufenen Schweigeminute für die Holocaust-Opfer steht sie skeptisch gegenüber: "In Israel funktioniert das, weil das Schicksal jeder Familie mit dem Holocaust verbunden ist, bei uns ist das anders." Man dürfe die Leute mit dem Gedenken auch nicht überfordern.

Stab der Erinnerung

Und doch sind sich am Ende alle einig, dass man an diesem Freitag nicht nur eine beeindruckende Gedenkstunde erlebt hat, sondern auch Grund hat, zuversichtlich nach vorn zu schauen -jedenfalls, wenn die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus nicht nachlässt. Charlotte Knobloch formuliert das so: "Der 27. Januar hat nur eine Zukunft, wenn die nachwachsende Generation den Stab der Erinnerung aufnimmt und weiterleitet." Es ist genau der Stab, den Holocaust-Überlebende ein Leben lang hoch gehalten haben, weil sie das Grauen und die Ungerechtigkeit nicht vergessen konnten. Menschen wie Marcel Reich-Ranicki.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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