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AUFGEKEHRT
Hans Krump
Revolte im Zwergstaat

Was wäre Europa ohne seine vielen Staaten, mit all ihren Eigenarten? Zum Beispiel Liechtenstein. Der Zwergstaat am Alpenrhein, letztes territoriales Überbleibsel des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gehört zu den wenigen Rest-Monarchien auf dem alten Kontinent. Freilich ist dort der Fürst kein "Grüßaugust" der Politiker, sondern laut Verfassung zweiter Souverän neben dem Volk. Der Erbmonarch ist nicht nur Staatsoberhaupt, er kann per Veto alle Volksabstimmungen oder vom Parlament beschlossenen Gesetze aushebeln. Der letzte Wille im Steuerparadies liegt bei Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein. Absolutismus im 21. Jahrhundert, schäumen Kritiker. Jetzt ist im wohlhabenden "Ländle" zwischen Österreich und der Schweiz der Aufstand ausgebrochen. Eine Volksinitiative "Ja - damit Deine Stimme zählt" will das uralte fürstliche Vetorecht bei Volksabstimmungen abschaffen.

In einem halben Jahr soll das Volk entscheiden. Das ganze riecht nach Revanche für das gescheiterte Plebiszit im Herbst 2011 über die Legalisierung der Abtreibung, als der widerstrebende Katholik Prinz Alois dem Volk mitgeteilt hatte, er werde ein erfolgreiches Votum sowieso ablehnen. Am Ende stimmten 52 Prozent gegen die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs; viele meinen, wegen Alois' Intervention.

Was macht das Haus Liechtenstein nun? Beinhart verteidigen Fürst Hans-Adam II. und sein regierender Stellvertreter Sohn Alois ihre Stellung im Land. Der Entzug ihrer Veto-Rechte sei nur möglich bei Abschaffung der Monarchie. Womöglich kehrt die Familie auf ihre österreichischen Güter bei Wien zurück, von wo aus man vor 300 Jahren die Ländereien am südlichen Rhein erworben hatte. Wie sagte noch Sachsens letzter König Friedrich August III. bei seiner Abdankung 1918 zum revoltierenden Volk: "Macht euern Dreck alleene." So weit aber ist es im gemächlichen Liechtenstein noch lange nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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