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Sabine Seeger
Leidenschaft auf Europäisch: Martin Schulz

Martin Schulz einen Schwärmer zu nennen, käme niemandem in den Sinn. Der Sozialdemokrat aus dem Rheinland ist eher als "rauer Kerl" bekannt, der die Dinge beim Namen nennt. Und dennoch: Der 56-Jährige kommt geradezu ins Schwärmen, wenn es um Europa geht. Der Europäischen Union, dieser "faszinierenden Idee, die als Antwort der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts auf die erste Hälfte entstanden ist", hat er sich voll und ganz verschrieben. Seit er 1994 ins Europaparlament gewählt wurde, kämpft er für die europäische Einigung. Zunächst als Abgeordneter, seit 2004 als Fraktionsvorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion und seit Mitte Januar als Präsident der Vielvölkerkammer. In Brüssel residiert der Rheinländer im neunten Stock des Spaak-Baus, ein Abgeordneten-Hochhaus, das weit über das vielfältige Gebäudeensemble des Europaparlaments hinausragt. Fällt sein Blick aus dem Fenster, dann schaut er mitten hinein ins Europaviertel.

Noch wirkt das Arbeitsambiente unpersönlich, die Ablagen leer, die Wände kahl. Der Neue hatte noch gar keine Zeit, dem Raum eine persönliche Note zu geben. "Ich habe immer gesagt, mehr als ein Fraktionsvorsitzender kann man nicht arbeiten", zieht er eine erste Bilanz. "Jetzt muss ich feststellen, dass der Präsident dieser Volkskammer doch noch ein anderes Arbeitspensum zu bewältigen hat." Staats- und Regierungschefs, Generalsekretäre internationaler Organisationen wollen empfangen, Gedenktage in Anwesenheit des Präsidenten begangen werden. Dazwischen gilt es, die Plenarsitzungen zu leiten und Rechtsakte der Europäischen Union zu unterzeichnen. In Zusammenarbeit mit den Vorsitzenden der sieben Fraktionen im Haus stellt er die Tagesordnung der Sitzungen zusammen. Und als Hausherr trägt er die Verantwortung für Verwaltung und Budget der Kammer. Derlei Arbeit fesselt den Präsidenten an das Haus, für die belgische Metropole bleibt da keine Zeit. Schulz verlässt das Parlamentsgebäude nur, um an Veranstaltungen teilzunehmen oder zu Frau und zwei erwachsenen Kindern nach Würselen zu eilen.

Würselen, die knapp 39.000 Einwohner zählende Stadt bei Aachen, ist der private Lebensmittelpunkt des Martin Schulz. Hier lebt er seit mehr als vier Jahrzehnten, betrieb als gelernter Buchhändler eine eigene Buchhandlung, engagierte sich als lokaler Juso-Vorsitzender in der Friedensbewegung. Mit 31 Jahren zog er ins Rathaus, als jüngster Bürgermeister Nordrhein-Westfalens. Konsequent baute der junge Stadtvater damals die Partnerschaft mit dem französischen Morlaix aus. Dass Schulz neben Englisch und Niederländisch auch fließend Französisch spricht, kam ihm dabei zugute. Ein Schüleraustausch als 16-Jähriger nach Bordeaux hatte die Grundlage gelegt. "Natürlich", so sagt er, "war es auch mein Elternhaus, mein Zuhause im Dreiländereck Aachen, Lüttich, Maastricht, das mich europäisch geprägt hat." Die Sonntagsausflüge nach Lüttich hätten seinem Französisch Auftrieb gegeben. Und nicht nur dem. Er kennt die Beneluxstaaten und bewundert die Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg für die Aufnahme der Deutschen in die Montanunion kämpften. "Diese Leute haben mehr für unser Land getan, als wir uns vorstellen können", sagt er. Und er fügt in dem ihm eigenen Humor hinzu: "Da haben die keinen Ehrenpreis für gekriegt."

In seiner neuen Aufgabe nimmt sich Schulz zurück. Nichts mehr soll aufscheinen vom kämpferischen "Krawall-Juso", den er gerne beschreibt, wenn er von seinem politischen Engagement in den 1970ern redet. Wenn er die Worte wetzt, wie andere das Messer. Dann attackiert er so scharf, dass manch einer die Nerven verliert. So wie Silvio Berlusconi. Den Premier und Medienzar fragte der SPD-Mann 2003 unverblümt nach seinem Interessenkonflikt. Berlusconi, in seiner Funktion als Ratspräsident zu Gast im Straßburger Haus, platzte der Kragen. Er empfahl dem Abgeordneten eine Filmrolle als Kapo, als KZ-Lagerchef. Der Schlagabtausch machte Schulz über Nacht bekannt. Seither kennt man den bärtigen Mann mit der wortgewaltigen Stimme. Nun will er sein rhetorisches Talent nutzen, um dem Europaparlament mehr Gehör zu verschaffen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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