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Monika Pilath
Als der Groschen fiel

EURO Vor zehn Jahren kam das neue Bargeld. Eine Geschichte von alten Webfehlern und prinzipiellen Vorteilen

Die große Party blieb Anfang dieses Jahres aus. Das zehnjährige Jubiläum der Euro-Bargeld-Einführung war offenbar kein Grund zu feiern. Nicht der Euro als greifbares Symbol einer gemeinsamen Identität in Europa, sondern die Sorge um den Erhalt der Währung kennzeichnen derzeit die Stimmungslage. Die Begeisterung über die ersten, am 1. Januar 2002 am Geldautomaten gezogenen neuen Scheine und die für 20 D-Mark in "Starter-Kits" ausgegebenen Münzen scheint lange her zu sein. Der Euro ist Normalität geworden. Doch wieso gibt es eigentlich den Euro? Und wie hat er sich in seiner ersten Dekade gemacht? Eine Rückblick.

Vorläufer

Den genauen Startpunkt für eine europäische Währung zu bestimmen, fällt nur auf den ersten Blick leicht. Am 7. Februar 1992 wurde im Vertrag von Maastricht (siehe Beitrag oben) die Einführung besiegelt. Doch ohne die mit den Römischen Verträgen von 1957 verbundene Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gäbe es den Euro wohl genausowenig wie ohne das 1979 eingeführte Europäische Währungssystem (EWS), das die Wechselkursschwankungen eindämmen sollte. Kaum noch bekannt ist eine Initiative des ersten EWG-Kommissionspräsidenten Walter Hallstein für eine Währungsunion aus dem Jahr 1962. Sie scheiterte - wie auch ein nach dem damaligen luxemburgischen Ministerpräsidenten Pierre Werner benannter Plan aus dem Jahr 1970, bis 1980 eine Währungsunion zu realisieren.

Die Idee einer Gemeinschaftswährung war jedenfalls lange geboren, bevor sie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks konkrete Züge annahm. Hartnäckig hält sich die These, Frankreich habe die Einführung des Euro als Gegenleistung für die deutsche Einheit verlangt. Allerdings haben die damaligen Bundesminister für Inneres und Finanzen, Wolfgang Schäuble (CDU) und Theo Waigel (CSU), dies stets bestritten. Tatsächlich folgte die Schaffung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion einem unter Leitung des damaligen Kommisionspräsidenten Jacques Delors erarbeiteten Bericht aus dem Jahr 1988.

Mit dem Maastrichter Vertrag, der am 1. November 1993 in Kraft trat, wurden die rechtlichen Grundlagen für die Euro-Einführung gelegt: Spätestens zum 1. Januar 1999 sollte die EU eine gemeinsame Währung haben. Dazu sollten die teilnahmewilligen Staaten mehrere Bedingungen, die so genannten Konvergenzkriterien, erfüllen, etwa zur Stabilität des Preisniveaus und der Wechselkurse. Zwei der Kriterien sollten die Euro-Länder dauerhaft gewährleisten müssen: Erstens darf das laufende Defizit aller öffentlichen Haushalte nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen; zweitens darf die öffentliche Gesamtverschuldung nicht höher sein als 60 Prozent des BIP.

Den Namen "Euro" bestimmte der Europäische Rat im Dezember 1995. Er geht auf eine Initiative der deutschen Delegation zurück - sagt jedenfalls Theo Waigel.

Die EU-Staaten verpflichteten sich mit "Maastricht", den Euro als Währung einzuführen. Lediglich Großbritannien und Dänemark entschieden sich für das sogenannte Opt-out-Modell, selbst über den Beitritt zur Währungsunion zu bestimmen. Bis heute haben beide den Euro nicht eingeführt. Ebenso wie Schweden, das seit einem negativen Volksentscheid absichtlich ein Kriterium zur Einführung des Euro verfehlt.

Im Mai 1998, kurz vor der Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main, entschied der EU-Ministerrat, welche Mitgliedstaaten die Maastricht-Kriterien erfüllten und damit in die Währungsunion aufgenommen werden sollten. Elf Länder schafften den Sprung: Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien. Zum 1. Januar 1999 legten sie ihre bilateralen Wechselkurse wie im Vertrag von Maastricht vorgesehen unwiderruflich fest und verpflichteten sich zu einer gemeinsamen Geld- und Wechselkurspolitik. Mit der Währungsunion wurde der Euro zunächst als Buchgeld eingeführt. Zu den elf Euro-Ländern kam 2001 trotz vielerlei Bedenken Griechenland hinzu. Offizielle Währung wurde der Euro auch in den vier Nicht-EU-Staaten Monaco, San Marino, Vatikan und Andorra.

Am 1. Januar 2002 hielten die Bürger der Euro-Staaten schließlich die ersten Euromünzen und -scheine in den Händen. Mehr als 14 Milliarden Banknoten im Wert von 633 Milliarden Euro und 52 Milliarden Euro-Münzen waren zum Start gedruckt, geprägt und in die Banken gebracht worden - ohne Frage eine logistische Meisterleistung. Bis heute haben 17 EU-Mitgliedstaaten oder rund 330 Millionen Menschen den Euro als Währung und bilden die Euro-Zone. Zu den Erstländern kamen 2007 Slowenien, 2008 Zypern und Malta, 2009 die Slowakei und 2011 Estland hinzu.

Die Mär vom »Teuro«

Als der Euro in Deutschland die D-Mark ablöste, sprachen viele vom "Teuro" und fanden sich etwa im Preis eines Schnitzels bestätigt, das im Lieblingslokal plötzlich sieben Euro statt elf Mark kostete. Der Verdacht, die neue Währung treibe die Preise nach oben, erwies sich jedoch als falsch. Die Inflation des Euro betrug - laut Statistischem Bundesamt - 1,6 Prozent im Durchschnitt der letzten Dekade. In den zehn Jahren davor lag die Inflation bei durchschnittlich 2,2 Prozent.

Trotz der weit verbreiteten Trauer um den Verlust der vertrauten Mark, Groschen und Pfennige gewöhnten sich die Deutschen schnell an die neue Währung. Die Vorteile des neuen Geldes für Verbraucher lagen auf der Hand - so fiel etwa im Spanien-Urlaub das lästige Umrechnen weg. Auch die Unternehmen profitierten. Ihnen blieben Wechselkursschwankungen erspart, der Handel in der Wirtschafts- und Währungsunion wurde leichter. Ein "optimaler Währungsraum", wie das die Volkswirte nennen, war die Euro-Zone gleichwohl nie - zu groß die Wohlfahrtsunterschiede, zu weit auseinander die ökonomische Potenz zwischen Nord- und Südländern. Probleme, die dem Euro heute zu schaffen machen. Ähnlich wie die Staatsverschuldung nicht nur Griechenlands. Auch Deutschland und Frankreich haben bekanntlich gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen.

Einer der öffentlich weniger diskutierten Gründe der Euro-Krise ist ein eigentlich längst bekannter. Schon der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) warnte am 6. November 1991 im Bundestag weitsichtig: "Man kann dies nicht oft genug sagen. Die politische Union ist das unerlässliche Gegenstück zur Wirtschafts- und Währungsunion. Die jüngere Geschichte, und zwar nicht nur die Deutschlands, lehrt uns, dass die Vorstellung, man könne eine Wirtschafts- und Währungsunion ohne politische Union auf Dauer erhalten, abwegig ist." Vielleicht sollte noch einmal der Werner-Plan von 1970 aus der Schublade geholt werden. Der sah, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser kürzlich erinnerte, nicht nur ein europäisches Zentralbanksystem vor, "sondern auch ein gemeinsames wirtschaftspolitisches Entscheidungsgremium, das dem Europäischen Parlament verantwortlich sein sollte".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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