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Ulrich Krökel
Die es in die Fremde zog

VOR ORT Ein Deutscher als Superpapa Polens, vielsprachige Kinder - fünf Beispiele für ein gelebtes Europa

POSEN

Ein protestantischer Norddeutscher als einer von drei "Vätern des Jahres" im katholischen Polen: Für Sven Sellmer ist das auch nach einem Dreivierteljahr noch schwer zu glauben. Unter 20.000 Teilnehmern hatte die Jury des landesweiten Wettbewerbs den 42-Jährigen im Juni 2011 zu einem der Preisträger gewählt - am Ende auf Rang zwei. "Ich habe das zuerst für einen Scherz gehalten", erzählt der gebürtige Schleswig-Holsteiner, der mit seiner polnischen Frau Izabella und der gemeinsamen zehnjährigen Tochter Maja in Posen lebt. Die frohe Botschaft von der Nominierung übermittelte damals Pfarrer Boguslaw Baranski. Er hat den Väter-Wettbewerb vor sechs Jahren ins Leben gerufen. Über Sellmer sagt er: "Wir wollten zeigen, dass Väter auch durch Einfühlsamkeit Autorität ausstrahlen können." Und in dieser Hinsicht ist der deutsche Doktor der Philosophie in Polen offenkundig ein Vorbild. Sellmers Tochter Maja, die ihren Vater zum Super-Papa-Wettbewerb angemeldet und den Stein damit erst ins Rollen gebracht hatte, schwärmt: "Er ist klug, immer hilfsbereit und sagt die Wahrheit."

Erziehung und Haushalt teilt sich Sellmer mit Izabella, die als Germanistin wie ihr Mann an der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen arbeitet. Dort haben sich Iza und Sven auch kennengelernt, als der Deutsche in den 1990er Jahren aus purer Neugier an einem Polnisch-Sommerkurs teilnahm. Inzwischen spricht er ebenso perfekt Polnisch wie seine Frau Deutsch und Tochter Maja beide Sprachen. Für sonderlich erwähnenswert hält Sellmer das nicht. Womöglich deshalb nicht, weil er selbst ein knappes Dutzend Sprachen beherrscht - darunter Sanskrit. An der Posener Uni hat das Multitalent das Institut für Indologie mit aufgebaut und schließt gerade seine Habilitation ab.

Den Sellmers ist kaum bewusst, dass ihre kleine deutsch-polnische Familie etwas Besonderes ist. "Wir leben seit 2004 in Posen", berichtet Sellmer lapidar. "Damals boten sich für uns beide hier die besseren beruflichen Perspektiven." Zuvor hatte das Paar einige Jahre in Schleswig-Holstein verbracht, wo Maja 2001 zur Welt kam.

"Wir fühlen uns in Polen wohl. Die Menschen sind offen, freundlich und lockerer als viele Deutsche, allerdings manchmal auch schlechter organisiert", sagt Sellmer und fügt hinzu: "Wir können uns aber auch gut vorstellen, eines Tages wieder nach Deutschland zu ziehen - am liebsten nach Berlin."

Im weitesten Sinn begreift sich der Super-Papa ohnehin als EU-Bürger. "Ich bin ein Europa-Enthusiast", sagt er, schränkt aber ein: "Was nicht optimal funktioniert, ist die Umsetzung dieser großartigen Idee."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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