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Corinna Jessen
Geplatzte Illusionen

GriechenlanD I Kostas und Despina gehörten zur wohlhabenden Mittelschicht. Jetzt sind sie arbeitslos, die Perspektiven sind düster

Wohn-und Arbeitszimmer sind nicht groß, aber sehr geschmackvoll eingerichtet. Bücher bis unter die Decke, zwei wirkungsvolle Teppiche, einige erlesene Dekorationsstücke in den Regalen. Das Ambiente einer gehobenen und gebildeten Mittelschicht, wie sie in Griechenland in den vergangenen 35 Jahren gewachsen ist. Äußerlich deutet nichts darauf hin, was über sie, was über das Land hereingebrochen ist. Darauf, dass diese Schicht urplötzlich wegzubrechen droht. Noch kann man es nicht sehen, dass Kostas Tsapogas und Despina Antipa ihr Leben nur noch mit ihren Ersparnissen und der gekürzten Rente der Eltern zusammen halten. Seit vergangenem November sind beide arbeitslos.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber, die Tageszeitung Eleftherotypia hatte sie entlassen, einen Monat später erschien sie gar nicht mehr. Die Belegschaft streikte, nachdem sie seit August nicht mehr bezahlt worden war. "Ein Schock, der genau so plötzlich kam wie der Schock über den drohenden Staatsbankrott", sagt Kostas, ehemals Chef der Auslandsredaktion. Der 57-Jährige hat die Eleftherotypia, zu deutsch Freie Presse, mit aufgebaut, damals 1975 nach dem Sturz der Junta. Sie war das mediale Flaggschiff einer Generation, die endlich in Meinungsfreiheit eine demokratische, eine europäische Gesellschaft formen wollte. Die Eleftherotypia wurde eine der erfolgreichsten und zugleich seriösesten Tageszeitungen, linksliberal im Ansatz.

Als die Schuldenkrise die Verkaufs- und Werbeeinnahmen zurückgehen ließ, die Banken die Finanzierung einstellten und schließlich kein Geld mehr da war, traf das eine Zeitung, die, wie es Kostas Tsapogas ausdrückt, bereits den Sinn für die Realität verloren hatte, so wie das ganze Land. "Auch in der Eleftherotypia haben wir wie in einer Blase gelebt, in einer virtuellen Realität. Sicher wurden schon lange mehr Ausgaben gemacht als nötig, mit 800 Mitarbeitern waren wir zu viele, unsere Gehälter waren wohl auch viel zu hoch. Aber solange das von den Banken finanziert wurde, hat sich niemand darum gekümmert. Erst als unter dem Schock des Zusammenbruchs die Blase dieser Scheinwelt platzte, hat sich das alles gezeigt."

Über dem Durchschnitt

Hart gearbeitet haben Kostas Tsapogas und Despina Antipa allerdings immer. Die Zeitung war ihrer beider Zuhause, beide arbeiteten dort sieben Tage die Woche, beide in einer Doppelposition auch für die griechische Ausgabe der New York Times in der Wochenendausgabe der Eleftherotypia. Zusammen kamen sie mit allen Überstunden auf knapp 8.000 Euro und lagen damit weit über dem Durchschnittsgehalt der mittleren Einkommensklassen. "Wir hatten ein gutes Auskommen, sind in Urlaub gefahren, konnten am Kulturleben teilnehmen. Und vor allem schien unser Einkommen sicher. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie es ist, wenn von einem Tag auf den anderen kein Geld mehr in die Haushaltskasse kommt." Denn seit der Schließung der Eleftherotypia ist auch Despina arbeitslos, auch sie hat ihr letztes Gehalt im vergangenen August erhalten.

Arbeitslosengeld haben die beiden zwar beantragt, aber es sind so viele Journalisten, die jetzt in Griechenland darauf angewiesen sind, dass ihre Kasse mit den Anträgen nicht nachkommt. Insgesamt sind in Griechenland von 4,5 Millionen Erwerbsfähigen eine Million Menschen arbeitslos. Wenn Kostas endlich Arbeitslosengeld ausbezahlt bekommt, wird es für ihn aufgrund seiner langen Arbeitsjahre hoffentlich der Höchstbetrag von 750 Euro sein, Despina wird erheblich weniger bekommen. Der Satz für Medienschaffende ist hoch, verglichen mit Versicherten bei der staatlichen Versicherungsgesellschaft IKA. Die zahlt höchstens 400 Euro. In jedem Fall gibt es aber Arbeitslosengeld nur maximal für ein Jahr, danach besteht keinerlei Anspruch mehr, auch nicht auf irgendeine Form von Sozialhilfe. Das Schlimmste für Despina ist aber: Wer kein Arbeitslosengeld mehr bekommt, aber auch keine neue Stellung gefunden hat, ist nicht mehr krankenversichert. "Da bekommt man regelrecht Angst", sagt sie. Die zierliche Frau Anfang 40 hat sich schon vor Jahren Gedanken über Alternativen gemacht und eine Zusatzausbildung als Konditorin abgeschlossen nach dem Motto: Lebensmittel sind krisenfest. "Ich habe es bei Bäckereien, Tavernen und auch als Imbisshilfe versucht - nirgends gibt es eine Stelle, nicht einmal für den neuen Mindestlohn von 580 Euro."

Leben von der Rente

Kostas´ Vater war ebenfalls Journalist, bekam eine für griechische Verhältnisse gute Rente. Sie ist bereits um 30 Prozent gekürzt worden, weitere Kürzungen werden folgen. Die vorerst verbliebenen 1.700 Euro müssen für das Rentnerehepaar und für dessen Sohn und Frau reichen, für Strom, Heizung, Telefon in zwei Haushalten. Und für die Sondersteuern auf die Immobilien. Die wird mit der Stromrechnung eingezogen. Zahlt man nicht, wird der Strom abgestellt. Viele ihrer Kollegen hätten nicht das Glück, von ihren Eltern unterstützt zu werden, die säßen bereits im Dunkeln, sagt Despina. "Es grenzt an ein Wunder, wie es die vorherige Generation jetzt schafft, uns wieder über Wasser zu halten. Unsere Eltern sind eben in Zeiten groß geworden, wo Wohlstand in Griechenland unbekannt war, sie können mit ganz wenig auszukommen."

Sie und Kostas verzichten nun auch wieder auf alles, was bisher ihr Leben ausgemacht hat. Keine Kino- oder Theaterbesuche mehr, keine Ausflüge mit Freunden, keine Reisen, keine neuen Bücher. Geld wird nur noch für das Nötigste zum Essen ausgegeben. "Unser einziges Vergnügen ist ein täglicher Spaziergang im Park", sagt sie.

Das verschuldete Heim

Im Athener Stadtteil Nea Smyrni, wo nach Ende des griechisch-türkischen Krieges 1922 die Flüchtlinge aus dem zerstörten Smyrna (dem heutigen Izmir in der Türkei) ein neues Leben begonnen hatten, hatte auch Kostas´ Vater ein zweigeschossiges kleines Haus geerbt. Im Erdgeschoss leben nun Kostas und Despina. Griechenland hat den höchsten Prozentsatz an Eigentumswohnungen in der Europäischen Union. Das eigene Heim ist für die Mehrheit der Griechen ein wichtiges Ziel bei der Lebensplanung. Dass Menschen wie die Tsapogas ein Dach über dem Kopf haben, ist eine Erklärung dafür, dass sich die Verzweiflung vor allem in den unteren Einkommensschichten - von Ausnahmen abgesehen - noch nicht explosiver Bahn gebrochen hat. Doch die Häuser der meisten Menschen sind mit Krediten belastet. Auch Kostas und Despina haben sich für die Renovierung Geld von der Bank geliehen. Ihre Raten können sie aber nun nicht mehr bedienen. Um diesem weit verbreiteten Problem die Sprengkraft zu nehmen, hat die griechische Regierung eine Regelung durchgesetzt, die Laufzeiten von Baukrediten für Hauptwohnsitze verlängert beziehungsweise die Raten aussetzt oder vermindert, sofern die Zahlungsschwäche nachweisbar ist.

Das ist sie im Fall von Kostas Tsapogas und seinen Kollegen bei der Eleftherotypia jedenfalls. Die Zeitung schuldet den Angestellten noch vier bis sechs Monatsgehälter für geleistete Arbeit. Die Belegschaft ist vor Gericht gegangen und will verhindern, dass der Verlag eine Insolvenzregelung in Anspruch nehmen kann, mit der er um die Auszahlung der Gläubiger herum kommt. Und die "Streikbelegschaft" macht weiter. In Eigenregie und unentgeltlich haben die Beschäftigten bereits zwei Ausgaben eines Blattes herausgegeben, das sie "Eleftherotypia der Redakteure" getauft haben. Produziert wird über ganz Athen verstreut in privaten Büros und Graphikstudios bis spät in die Nacht. Die Auflage ging weg wie warme Semmeln.

Angst vor Radikalen

Es ist ein kleiner, sehr kleiner Hoffnungsschimmer auf produktive Eigeninitiative in einem Umfeld, das Tag für Tag ein bisschen mehr auseinanderfällt. Gerade die Eleftherotypia habe für das gestanden, was eigentlich gesund war in Griechenland, sagt Kostas Tsapogas. Sie war die einzige große Tageszeitung, die kein "Nebenprodukt" medienfremder Kapitalgeber war. Denn Reeder, Groß- und vor allem Bauunternehmer haben in Griechenland die Medienlandschaft bestimmt - nicht zuletzt um staatliche Auftraggeber mit entsprechender Berichterstattung unter Druck setzen zu können. Die Eleftherotypia zeichnete sich durch pluralistische Meinungen aus, durch eine Diskussionskultur, die der beste Schutz gegen Radikalismen ist. Die aber drohen in der Krise immer mehr zuzunehmen und formieren sich vor allem im Widerstand gegen die von den Kreditgebern diktierten Sanierungsmaßnahmen. "Wenn die ganzen Sparmaßnahmen und Sanierungsprogramme als Schocktherapie wirken würden, um unseren Bezug zur Realität wiederherzustellen und etwas Gesünderes aufzubauen, dann wäre ich unbedingt dafür", sagt Kostas Tsapogas. "Aber sie haben innerhalb kürzester Zeit ein Land geschaffen, das uns durch Rezession und Niedergang die Luft abwürgt. Sie verstärken damit genau die Kräfte, die unrealistisch sind, sich radikalisieren. Daher gilt für unsere Zeitung, was für das ganze Land und all die Unternehmen gilt, die schließen: Sie können nur noch sehr schwer gerettet werden, weil das weitere Umfeld, das inzwischen geschaffen wurde, keinerlei Rettung mehr zulässt."

Die allgemeine Hoffnungslosigkeit auf eine Besserung in näherer Zukunft sei das Schlimmste, sagt auch Despina. "Unseren Sohn lassen wir deswegen auf keinen Fall zurückkommen." Orestis studiert derzeit in Schottland und die Eltern hoffen, dass er dort später auch als Programmierer Arbeit findet. Wenn alles gut geht, reichen die Ersparnisse der Familie noch für seine Ausbildung aus und nur dafür werden sie angetastet. "Damit sind wir schon sehr gut dran", sagt die Mutter, viele ihrer Kollegen hätten ihre Kinder bereits vom Studium zurückholen müssen. "Etwas Schlimmeres gibt es nicht für Eltern. Damit musst du dir eingestehen, dass dein Kind, dein Land keine Zukunft mehr hat."

Die Autorin ist freie Korrespondentin in Athen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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