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Helmut Heinzlmeier
Kurz notiert

Der Zusammenburch des sowjetischen Imperiums im Jahr 1989/91 war eine historische Zäsur. Wer wollte dem Westen jetzt noch die globale Dominanz streitig machen? Manch diesbezügliche Träume sind inzwischen jedoch geplatzt. Nicht nur aufgrund fehlgeleiteter Kriege in Afghanistan und im Irak - asymmetrische Kriege sind kaum zu gewinnen - und wiederholten Finanzkrisen. Auch aufstrebende Schwellenländer stellen sich einer westlichen Dominanz entgegen.

Eberhard Sandschneider, Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, skizziert die internationale Machtkonstellation. Für die Weltmacht USA seien heute nur zwei Länder von herausragender Bedeutung: Israel und China. Die USA seien nicht nur eine atlantische sondern auch eine pazifische Macht - heute mehr denn je. In China werde der große Gegenspieler erkannt, Europa hingegen sei inzwischen von nachgeordneter Bedeutung. Die Europäische Union werde in den USA als hoffnungslos überdehnter und entscheidungsschwacher Akteur gesehen.

Sandschneider plädiert deshalb für ein Mehr an europäischer Eigenständigkeit. Leicht werde das nicht sein - auch gegenüber den aufstrebenden Schwellenländern. Nicht zuletzt, weil der Kontinent auch in voraussehbarer Zukunft nicht mit einer Stimme sprechen werde, nationalstaatliche Interessen dominierten. Über die Maßen bedrohlich, so lautet die zentrale These des Autors, muss eine solche Entwicklung jedoch für Europa nicht sein. Machtverhältnisse seien nie stabil, man müsse einmal zurückstecken können. Auch ein Land wie China stehe vor gigantischen Herausforderungen. Noch sei Europa im weltweiten Vergleich eine Insel des Wohlstands und des Friedens. Um das zu erhalten, seien weniger große Reden über Integration oder Finalität Europas nötig, als vielmehr ein Mehr an Selbstvertrauen und ein Mehr an Pragmatismus. Die aktuelle Eurokrise biete dafür gehörig Gelegenheit.

Sandschneiders Buch ist nicht nur für Realisten lesenswert.

Eberhard Sandschneider:

Der erfolgreiche Abstieg Europas. Heute Macht abgeben, um morgen zu gewinnen.

Hanser Verlag, München 2011; 196 S., 19,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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