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Markus Blömeke
Der Technik-Philosoph: Martin Delius

Ich werde wohl einen Anzug tragen." Mehr steht noch nicht fest für Martin Delius, der als einer von zwei Wahlleuten der Piratenpartei am Sonntag Deutschlands neuen Bundespräsidenten wählen wird. Eine ganze Reihe von Namen sei bisher in der Piratenfraktion "herumgeflogen". Hans-Jürgen Papier, der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, der Karabettist Georg Schramm, Ex-DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer; schließlich der Mathematiker und Philosoph Gunter Dueck. Alle hätten bisher abgesagt. Einen eigenen Kandidaten vorzustellen, sei für die Piraten eine symbolische Geste: "Wir werfen Namen in den Raum, um zu zeigen: Es gibt Alternativen zu den vorgestellten Kandidaten."

Den designierten Wahlsieger Joachim Gauck hält Delius für "respektabel". Doch Gaucks Sicht auf das den Piraten so wichtige Internet sei altmodisch. "Nicht piratenkonform", erklärt er. Gemein mit Gauck ist Delius seine alte Heimat DDR.

Martin Delius wurde in Halle an der Saale geboren, im April 1984. Einen Tag vor Eröffnung des neuen Friedrichstadtpalastes in Berlin. Die Mauer sollte noch mehr als fünf Jahren stehen. Immer wieder wurde Delius' Familie von der Stasi drangsaliert, wie er sich erinnert: "Mein Vater war Lutheraner, gehörte zur DDR-Friedensbewegung. Was das in der DDR bedeutet hat, weiß man ja." Mehr möchte er darüber nicht sagen; die Schrecken der Vergangenheit will er ruhen lassen.

Heute ist Martin Delius Parlamentarischer Geschäftsführer der Piraten-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Mit 27 Jahren einer der jüngsten im Landesparlament der Hauptstadt. Seine politische Sozialisation begann früh: 13 sei er gewesen, als die "Jungen Nationaldemokraten" an seiner Schule versucht hätten, ihn zu werben. Gezielt seien die auf intelligente junge Menschen zugegangen, "um sie zu Rädelsführern zu machen." Da habe er sich Gegenbewegungen angeschlossen, gegen Neonazi-Aufmärsche auf der Kriegsgräberstätte im brandenburgischen Halbe demonstriert.

Es folgte ein Physikstudium an der Technischen Universität Berlin. Delius wurde Sprecher des "Breiten Linken Bündnisses". ",Links' kann für den sozialen Gedanken stehen, für einen breiten Konsens", sagt Delius. Wie ein Mann des Konsenses sieht der Pirat auf den ersten Blick nicht aus: Lange Haare, Zehn-Tage-Bart, verwaschenes T-Shirt, bleiche Haut. Träfe man ihn in der U-Bahn, würde man ihn für einen Programmierer halten. Das passt, denn die Informatik spielt in Delius' Leben eine große Rolle: Für seine Fraktion entwickelte er die Software "LiquidFeedback". Sie soll inhaltliche virtuelle Diskussionen mit der Basis ermöglichen.

In der Politik, da zeigt sich der Berliner überzeugt, hilft ihm sein Physikstudium. "Logisch denken, Entscheidungen simulieren: Ich kann genau aufzeigen, was passiert, wenn man an dieser oder jener Stellschraube dreht." Gern stellt er philosophische Überlegungen an, zum Beispiel über die Rolle des Staates in der modernen Gesellschaft: "Der Staat ist dafür da, Prozesse zu ermöglichen, nicht, sie zu steuern." Der Staat solle ein "Provider" sein, also ähnlich wie ein Internet-Anbieter. "Ein ,Provider' von Strukturen und Ressourcen, von Möglichkeiten." Daher fordert Delius ein "bedingungsloses Grundeinkommen": Es soll dem Bürger ermöglichen, sein Leben selbst zu planen.

Das Drehen an Stellschrauben gestaltet sich laut Delius nicht immer einfach. Überhaupt zeigt sich der junge Abgeordnete "schockiert, wie wenig echte Gesetzesinitiativen aus der Mitte des Parlaments kommen, wie wenig echter Diskurs stattfindet".

Politikverdrossen ist der junge Freibeuter trotzdem nicht. Gern würde er sogar eines Tages eine Piratenfraktion im Bundestag aufbauen: "Ich könnte das gut", ist er überzeugt, schließlich könne er gut strukturieren und organisieren. Und er fühlt sich in seiner Rolle als Politiker wohl. Was sich Martin Delius von der Bundespräsidentenwahl erwartet? "Keine Überraschungen, leider." Wird er eine Krawatte tragen? "Ich denke nicht." Doch dann denkt Delius noch kurz nach. "Kann man da ohne Krawatte auflaufen? Ich war da ja noch nie."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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