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Monika Pilath
Wir sind nur die Kandidatinnen

FRAUEN Das höchste Staatsamt ist eine der letzten Männerbastionen. Bewerberinnen standen stets auf verlorenem Posten

"Dieses Mal aber eine Frau!" Schon oft ertönte dieser Ruf, wenn ein neues Staatsoberhaupt gesucht wurde. Eine Kandidatin stellten die Parteien freilich bislang nur dann auf, wenn sie in der jeweiligen Bundesversammlung absehbar keine ausreichende Mehrheit hatten. Bisher kandidierten acht Mal Frauen für das Amt des Bundespräsidenten. Obwohl mehr oder weniger chancenlos, machten es manche der Damen spannend.

Die Bundesrepublik hatte bereits vier Bundespräsidenten erlebt, als die SPD im Jahr 1979 mit Annemarie Renger erstmals überhaupt eine Frau ins Rennen ums höchste Staatsamt in die Bundesversammlung schickte. Mit der Rolle "der ersten Frau" kannte sich Renger gut aus, war sie doch von 1972 bis 1976 die erste Bundestagspräsidentin gewesen. "Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte: Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann", bilanzierte sie nach ihrer Amtszeit. Sicherlich hätte sie auch "Bundespräsident gekonnt", jedoch hatte ihre Kandidatur angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung von vornherein keine Aussicht auf Erfolg. Dennoch ließ sich Renger von ihrer Partei in die Pflicht nehmen, nachdem sich die sozialliberale Koalition zuvor erfolglos darum bemüht hatte, den Gelehrten Carl-Friedrich von Weizsäcker als gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Erwartungsgemäß wurde Karl Carstens gewählt.

Ähnlich chancenlos wie Renger war bei der nächsten Wahl im Jahr 1984 die Schriftstellerin Luise Rinser, die von den ein Jahr zuvor mit 39 Sitzen erstmals in den Bundestag eingezogenen Grünen als einzige Gegenkandidatin zum CDU-Politiker Richard von Weizsäcker nominiert worden war. Die "christliche Sozialistin oder sozialistische Christin", wie sich Rinser selbst nannte, scheiterte bereits im ersten Wahlgang gegen den früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin. Sie erhielt aber beachtliche 68 Stimmen bei 117 Enthaltungen.

Grande Dame

Anders als Renger und Rinser hätte es Hildegard Hamm-Brücher im Mai 1994 schaffen können. Die FDP bot ihre Grande Dame in Verärgerung über die Union auf, nachdem der Koalitionspartner ohne Abstimmung mit den Liberalen den damaligen sächsischen Justizminister Steffen Heitmann (CDU) nominiert hatte. Allerdings war Hamm-Brücher für die FDP nur zweite Wahl, nachdem ihr Langzeit-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der bei allen Parteien beste Chancen gehabt hätte, eine Kandidatur abgelehnt hatte.

Zwar nominierte die Union statt des umstrittenen Heitmann nach scharfer Kritik den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, die FDP hielt aber dennoch an der Kandidatur Hamm-Brüchers fest. Die SPD schickte den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau ins Rennen, die Grünen nominierten den früheren DDR-Bürgerrechtler Jens Reich.

Keiner der Kandidaten verfügte über die in den beiden ersten Wahlgängen notwendige absolute Mehrheit. Hätte die SPD Rau zurückgezogen und stattdessen Hamm-Brücher unterstützt, wäre diese vermutlich gewählt worden. Zumindest wäre die schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl (CDU) in eine kapitale Krise gestürzt. Der damalige SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping spekulierte jedoch auf liberale Unterstützung für Rau - und verschätzte sich. Denn die FDP - unter dem Vorsitz von Außenminister Klaus Kinkel - unterstützte im dritten Wahlgang den Unions-Kandidaten Herzog, der dann auch tatsächlich zum Bundespräsidenten gewählt wurde.

Hamm-Brücher, die im ersten Wahlgang 132 und im zweiten Wahlgang 126 Stimmen erhielt - deutlich mehr als die FDP Wahlleute stellte -, wäre auch im entscheidenden dritten Wahlgang angetreten, tat dies auf Druck der Parteiführung aber nicht. Diese Koalitionsräson kreidet Hamm-Brücher, inzwischen nicht mehr in der FDP, ihrer früheren Partei bis heute an. "Kohl befahl das alles, und die FDP war gehorsam", sagte sie unlängst in einem Interview.

Bei der Bundespräsidentenwahl 1999 stellte erstmals die Union mit der parteilosen Thüringer Physikerin Dagmar Schipanski eine Kandidatin auf - freilich in dem Wissen, dass SPD und Grüne eine deutliche Mehrheit in der Bundesversammlung haben würden. Die Wahl beinhaltete eine weitere Premiere: Zum ersten Mal kandidierten mehr Frauen, nämlich zwei, als Männer für das höchste Staatsamt. Doch weder Schipanksi noch die von der PDS nominierte ebenfalls parteilose Theologin Uta Ranke-Heinemann konnten sich gegen den männlichen Kandidaten Johannes Rau durchsetzen. Für Schipanski bedeutete die Bundespräsidentenwahl allerdings den Einstieg in ihre politische Karriere. Nach der Landtagswahl in Thüringen wurde sie dort im Herbst 1999 Wissenschaftsministerin. Im März 2000 trat Schipanski der CDU bei, in deren Präsidium sie wenig später gewählt wurde.

Zwei Anläufe

Gleich zwei Mal versuchte sich die Hochschulprofessorin Gesine Schwan als Bundespräsidentenkandidatin. Im Jahr 2004 nominierte die SPD ihr Mitglied als Kontrahenten des Kandidaten von Union und FDP, Horst Köhler. Köhler erhielt erwartungsgemäß im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit, Schwan "fischte" jedoch mit ihren 589 Stimmen etliche Stimmen aus dem schwarz-gelben Lager. Bei ihrer zweiten Kandidatur fünf Jahre später warb Schwan - was ihr auch unter Sozialdemokraten Kritik eintrug - kräftig um Stimmen der Linken. Bei der Wahl war die frühere Präsidentin der Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder auf Abweichler aus dem bürgerlichen Lager und die Stimmen der Grünen sowie der Linkspartei angewiesen. Am 23. Mai 2009 zog Schwan dann aber erneut im ersten Wahlgang den Kürzeren gegen Köhler.

Nach dessen überraschendem Rücktritt 2010 nominierte die Linkspartei ihre Bundestagsabgeordnete Luc Jochimsen als Gegenkandidatin zu Christian Wulff und Joachim Gauck. Auf ihre geringen Wahlchancen angesprochen, sagte sie, sie sei es gewohnt, eine Außenseiterin zu sein.

Am 18. März tritt nun - ebenfalls als Außenseiterin - die parteilose Antifaschistin Beate Klarsfeld auf Vorschlag der Linkspartei als Kandidatin an. Gegen den von fünf Parteien unterstützten Gauck wird sie voraussichtlich im ersten Wahlgang unterliegen. Das höchste Staatsamt bleibt damit vorerst das, was es seit 1949 ist: eine Männerbastion.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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