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Susanne Kailitz / Alexander Weinlein
Ein hilfreiches »Miststück«

GLEICHSTELLUNG An der Quote scheiden sich die Geister. Unternehmerinnen setzen auf den gesellschaftlichen Wandel

Zur Quote hat Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller eine klare Meinung. "Völliger Blödsinn" sei die. Denn eines sei mal klar: "Entweder man fühlt sich als Frau berufen, eine Führungsposition auszufüllen, dann ist man auch so strukturiert und ehrgeizig, dass man es schafft. Oder man ist es eben nicht."

Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller hat sich das Führen immer zugetraut. 1993 ging die gebürtige Münchnerin nach Dresden, um dort die Bäckerei der Familie zu übernehmen. Sechs Monate wollte sie bleiben, um das Unternehmen aus seinen damaligen Schwierigkeiten zu holen, inzwischen ist sie seit fast 20 Jahren im Freistaat und verantwortlich für mehr als 60 Mitarbeiter. Dass eine Frau den Job stemmen könnte, hatte Kreutzkamm-Aumüllers Ururgroßvater, der die Firma 1825 in Dresden gründete, sicher nicht auf der Rechnung - und selbst ihr eigener Vater schrieb noch Ende der 1970er-Jahre in seiner Unternehmenschronik, "leider" seien ihm ja "nur zwei Töchter geblieben". "Großartig, oder?", sagt die Unternehmerin grinsend.

Bis Frauen wirklich zugetraut werde, einen Führungsjob zu meistern und dabei Karriere und Beruf unter einen Hut bringen zu können, müsse es in der Gesellschaft ein "gravierendes Umdenken" geben, "das bekommt man auch nicht durch eine verordnete Quote". Die Mutter von vier Kindern weiß genau, wovon sie spricht. Als sie als junge Frau in die Männerdomäne Bäckerei gekommen sei, habe man sie dort sehr kritisch beäugt. Und als in den vergangenen Jahren sowohl der unternehmerische Erfolg als auch die Familie stetig größer wurden, habe ihr Umfeld nicht mit Kommentaren dazu gespart, ob man als so hart arbeitende Firmenchefin überhaupt eine gute Mutter sein könne.

Kinderbetreuung

Dass es ging, habe maßgeblich am Standort des Unternehmens gelegen: "Hier im Osten ist es selbstverständlich, dass man auch als Mutter schnell wieder arbeitet und die Kinder betreuen lässt. Wenn ich sehe, dass es in Bayern bis heute Halbtagskindergärten gibt, in denen die Kinder mittags nichts zu essen bekommen, ist mir auch klar, warum dort so viele Frauen den Spagat zwischen Beruf und Familie nicht hinbekommen können."

Auch wenn Kreutzkamm-Aumüller von Quoten nichts hält: Ihre eigenen Lebenserfahrungen haben Auswirkungen auf ihre Personalpolitik. Zwar seien bei dem Backhaus die Bereiche ziemlich klar in die männliche Bäckerei und die weibliche Konditorei aufgeteilt und wirklich flexible Arbeitszeiten aufgrund der Produktionsbedingungen nunmal nicht machbar, aber Kreutzkamm-Aumüller traut ihren Mitarbeiterinnen an vielen Stellen mehr zu, als es ein männlicher Chef täte. So hat sie gerade eine Auszubildende eingestellt, die erst vor wenigen Monaten ein Baby bekommen hat. "Natürlich ist mir klar, dass das ein unternehmerisches Risiko ist. Aber wenn mir diese junge Frau sagt, dass sie es hinbekommt, dann glaube ich ihr das. Ich weiß ja selber, was wir Frauen schaffen können."

Rollenverständnis

Ermutigen - das ist auch für Maria Mintrops Personalführung ein Schlüsselwort. Die 55-Jährige leitet gemeinsam mit ihrem Mann zwei Hotels in Essen mit insgesamt mehr als 100 Mitarbeitern. Dabei setzt sie immer wieder auf Wiedereinsteigerinnen: Frauen, die nach der Familiengründung lange zu Hause geblieben sind und den Anschluss an ihre eigentlichen Jobs verloren haben. "In unserer Gegend setzen immer noch auch viele junge Frauen auf die ganz klassische Rollenverteilung und hoffen einfach, dass ihre Ehe für immer hält. Aber schauen Sie sich die Scheidungsraten doch an!"

Mintrop hält es für einen großen Fehler, weibliche Erwerbstätigkeit quasi als eine Alternative unter vielen zu betrachten - "sich in so eine Abhängigkeit zu begeben ist doch Wahnsinn". Weil sie als zweifache Mutter genau weiß, wie schwer sich Job und Familie häufig vereinbaren lassen, versucht sie, es Müttern in ihrem Unternehmen so leicht wie möglich zu machen. Deren Kinder können, wenn es nach der Schule mit der Nachmittagsbetreuung schwierig ist, ins Hotel kommen. "Dann gibt es etwas zu essen und einer der Auszubildenden passt auf sie auf."

Gewinn für das Unternehmen

Von diesen Möglichkeiten profitiert auch die Chefin: "Mitarbeiterinnen, die wir so unterstützen, fühlen sich gut aufgehoben und sind auch bereit, dem Betrieb viel Einsatz zurückzugeben." Wie die Dresdner Unternehmerin Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller hält Maria Mintrop gesellschaftliches Umdenken für viel wichtiger als eine Quote - doch die müsse wohl auch kommen, "wenn es einfach nicht anders geht". Beide Frauen haben in ihren eher kleinen Unternehmen die Erfahrungen der so genannten gläsernen Decke nicht gemacht. "Aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie hart es für viele Frauen in großen Konzernen ist, wenn sie von links und rechts ausgegrenzt werden. Vielleicht braucht es dort so einen gesetzlichen Zwang."

Selbstverpflichtung

Oder einen selbst verordneten: Die Telekom hat sich als erster Dax-Konzern vor fast zwei Jahren eine eigene Quote verpasst; will bis 2015 30 Prozent aller Positionen im mittleren und oberen Management mit Frauen besetzen. Melanie Kowal, im Unternehmen für das Projekt "Fair Share" zuständig, sagt klar, man habe erkennen müssen, dass ohne spezielle Förderungen Frauen viel zu selten in den oberen Etagen landen; trotz aller guten Vorsätze. Frauen seien nicht so gut wie Männer, wenn es darum gehe, Netzwerke zu bilden, und oft zu zögerlich, sich auf Stellen zu bewerben, wenn sie nicht perfekt auf das geforderte Profil passten. "Man muss sie ermuntern, sich in die Prozesse einzuklagen und ihre Wünsche klar zu artikulieren."

Dass die Quote nur der Anfang eines umfassenden Kulturwandels sein kann, davon ist man auch beim Bund deutscher Unternehmerinnen überzeugt. Geschäftsführerin Carlotta Köster-Brons sagt: "Wir brauchen ein neues Bild von Karriere - dass eben nicht der Mitarbeiter der Beste ist, der abends am längsten bleibt." Umdenken müssten aber nicht nur die Männer: "Die Frauen selbst müssen begreifen, dass jeder die Verantwortung hat, für sich selbst zu sorgen. Die Ära der Alleinverdienermodelle ist vorbei."

Frauen in den Medien

Maßgeblich einwirken auf die Gesellschafts- und Rollenbilder könnten die Medien. Doch in der deutschen Presselandschaft sind Frauen ebenso unterrepräsentiert in Führungspositionen wie in der Wirtschaft oder auch der Politik. In nur zwei Prozent der rund 360 Tages- und Wochenzeitungen haben Frauen in den Sesseln der Chefredakteure Platz genommen. Auch an den Redaktionsspitzen bei großen Magazinen wie "Spiegel", "Stern" und "Focus" sind Männer tonangebend. Nicht besser ist die Lage in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: von den zwölf Indendanten sind lediglich drei weiblich.

Die Journalistinnen-Initiative "Pro Quote" nahm die Zahlen zum Anlass, um öffentlichkeitswirksam eine weibliche 30-Prozent-Quote in den Chefredaktionen "auf allen Hierachiestufen" in den nächsten fünf Jahren zu fordern. In einem offenen Brief stellten sie den Chefredakteuren, Intendanten, Verlegern und Herausgebern die süffisante Frage: "Schaffen Sie das?"

Die Antworten der Angesprochenen sind auf der Homepage der Initiative (www.pro-quote.de) nachzulesen, sie reichen von Lippenbekenntnissen über Eigenlob bis hin zu Einwänden. "Es ist offensichtlich, dass zu wenige Frauen an der Spitze von Redaktionen und Verlagen tätig sind, deshalb sind Ihre Hinweise wichtig und richtig", meint etwa Christian Nienhaus von der WAZ-Mediengruppe und verweist auf das Förderprogramm für junge Führungskräfte in seinem Haus, deren Teilnehmer zu 63 Prozent weiblich seien, "was sich später automatisch auf den höheren Hierarchie-Ebenen niederschlagen wird".

Chefredakteurin Stefanie Burgmaier hat einen spartenspezifischen Einwand gegen die Quote parat: "Ich würde gerne mehr Frauen an den entscheidenden Stellen von ,Börse Online' einsetzen. Dafür müssen sich zunächst einmal mehr Frauen für den Finanzjournalismus interessieren und entscheiden. Von den rund 50 Finanzjournalisten, die für die G+J Wirtschaftsmedien arbeiten, sind etwa ein Viertel weiblich."

Die Unterzeichnerinnen von "Pro Quote" wissen, dass die Quote ihre Tücken hat und nur ein Mittel zum Zweck ist: "Die Quote ist und bleibt ein Miststück, aber wenn es nicht anders geht, dann muss sie übergangsweise einspringen. Traurig genug in einem angeblich doch so fortschrittlichen und aufgeklärten Land", argumentiert ZDF-Moderatorin Dunja Hayali.

Vielleicht hätte sich auch Papst Benedikt XVI. zu einer Antwort aufgeschwungen, wenn er von "Pro Quote" angeschrieben worden wäre. Zumindest kann er darauf verweisen, dass die deutschsprachige Redaktion der Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" bereits seit dem Frühjahr 2008 von der Österreicherin Astrid Haas geleitet wird und dass die englische Ausgabe komplett aus Frauen besteht. Papst Benedikt habe ihn persönlich gebeten, so ließ Giovanni Maria Vian, Chefreakteur der Heimatredaktion der Vatikanzeitung im vergangenen August wissen, Frauen "personell und thematisch" mehr Raum zu geben. Der Papst als Anhänger der Frauenquote? Sicherlich nicht beim Priesteramt - der letzten echten Männerbastion.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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