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Frédéric Lemaître
»Monsieur le président«

FIKTIVE BOTSCHAFT Was ein neuer Élysée-Hausherr über Deutschland und seine Kanzlerin wissen müsste

Ein Sieg von François Hollande bei den französischen Präsidentschaftswahlen wäre ein heikler Moment für das "deutsch-französische Paar". Womöglich bereitet sich die französische Botschaft in Berlin darauf intensiv vor. Unser Autor Frédéric Lemaître, langjähriger Deutschlandkorrespondent der französischen Tageszeitung "Le Monde", hat sich schon einmal Gedanken gemacht, wie ein Brief des Botschafters an den neuen Hausherren im Élysée-Palast am Montag, den 7. Mai - einen Tag nach der Stich- wahl -, aussehen könnte:

Monsieur le président,

gestatten Sie mir zunächst, Sie zu Ihrem Wahlsieg zu beglückwünschen. Dieser ist am heutigen Montag natürlich auf den Titelseiten der gesamten deutschen Presse zu finden. Hier erwartet man nun mit großem Interesse und - je nach politischer Tendenz der Leitartikler - mit mehr oder weniger großer Besorgnis ihren kommenden Besuch. Eigentlich unterscheidet sich die Situation nicht sehr von der im Mai 1981. Wahrscheinlich, Herr Präsident, erinnern Sie sich noch daran, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt im Februar 1981 öffentlich erklärt hatte: "Ein Sieg Mitterrands? Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!" Am Abend des 10. Mai freute sich Margaret Thatcher paradoxerweise als einzige in Europa über den Sieg von François Mitterrand, der den aus Londoner Sicht allzu guten Beziehungen zwischen Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing ein Ende bereitete. Aber die Eiserne Lady war rasch desillusioniert. Bereits am 24. Mai empfing François Mitterrand Helmut Schmidt im Élysée-Palast und akzeptierte die Stationierung von Pershing-Raketen in Deutschland, was sein Vorgänger abgelehnt hatte. Von nun an "wird die deutsch-französische Solidarität zum Schlüssel seiner Außenpolitik", wie Mitterands langjähriger Berater Jacques Attali in seinem Buch "Verbatim 1981-1986" zusammenfassend berichtete.

Vor Ihrem Treffen mit Angela Merkel gestatten Sie mir bitte, Sie vor ein paar Klischees zu warnen, die in Paris über Deutschland kursieren. Häufig sagt man, die Befugnisse der Kanzlerin seien begrenzt. Zu Beginn sagte Nicolas Sarkozy: "Sie will nicht", jetzt sagt er: "Sie kann nicht", resümierte Alain Minc, inoffizieller Berater des Staatspräsidenten, im Januar im "Spiegel". Sicherlich sind ihre Befugnisse nicht immer mit denen zu vergleichen, die Sie jetzt innehaben. Der Bundestag spielt eine wichtigere Rolle als das französische Parlament, und das Bundesverfassungsgericht verfügt über eine Macht, die mindestens so entscheidend ist wie die des US-amerikanischen Supreme Court. Aber man sollte daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen: Die Bundeskanzlerin verfügt über deutlich mehr Befugnisse als die Formulierung von Alain Minc vermuten lässt - ihre Entscheidungen über den Ausstieg aus der Atomenergie oder auch ihr Management der europäischen Krise beweisen dies. Und auch wenn die Karlsruher Richter gefürchtet und geachtet werden, so wissen sie doch genau um die politische Tragweite ihrer Entscheidungen. Finanzminister Wolfgang Schäuble erlaubte sich übrigens im Sommer 2011 nicht nur aus Gründen der Höflichkeit einen Besuch bei den Richtern, bevor diese dann im September ihre lang erwartete Stellungnahme zur Griechenlandhilfe abgaben. In Deutschland stehen Gewaltenteilung und politischer Konsens kaum im Widerspruch zueinander.

Ein Detail sagt viel über die Macht der Kanzlerin aus: Bei ihren Reisen ins Ausland - wie beispielsweise im vergangenen Februar nach China - wird Angela Merkel von keinem ihrer Minister begleitet, sondern sie ist umgeben von ihren Beratern, und in der Tat auch von Bundestagsabgeordneten (einem pro Partei).

Optimistisch gestimmt

Bei Ihrem Besuch werden Sie, Herr Präsident, ein Land entdecken, dass mittelfristig über seine demografischen Perspektiven besorgt ist, den kommenden Jahren aber optimistisch entgegen sieht. Glaubt man einer im Januar für die deutsche Botschaft in Paris durchgeführten Umfrage, so verbinden die Franzosen die folgenden fünf Begriffe eher mit Deutschland als mit Frankreich: Ernsthaftigkeit, Arbeit, Reichtum, Einfluss auf internationaler Ebene und Modernität. Zu jedem einzelnen Begriff wäre viel zu sagen. Über die Arbeit müssen Sie wissen, dass die deutschen Vollzeitbeschäftigten mehr als ihre französischen Kollegen arbeiten, aber aus unterschiedlichen, vor allem soziologischen Gründen ist die Teilzeitbeschäftigung in Deutschland viel höher (22 Prozent der Erwerbstätigen) als in Frankreich (14 Prozent). Die Deutschen arbeiten also nicht mehr, sondern sie haben sich für eine andere Form der Arbeitsteilung entschieden als die Franzosen.

Im Hinblick auf den Einfluss in der Welt messen die Franzosen also "staatstragenden" Symbolen wie einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat oder dem Besitz von Atomwaffen weniger Bedeutung bei als der wirtschaftlichen Macht Deutschlands. Wahrscheinlich ist dies nicht zuletzt auf die tragende Rolle Angela Merkels in der europäischen Krise zurückzuführen. Ich darf Sie bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass Deutschland inzwischen mehr Rüstungsgüter exportiert als Frankreich.

Ich erlaube mir jedoch vor allem, Sie auf die eigentlichen Konsequenzen dieser Untersuchung aufmerksam zu machen. Auf die Frage nach den Begriffen, die sie eher mit Frankreich als mit Deutschland verbinden, antworten unsere Landsleute: Lebensqualität, Arroganz, Solidarität, Geselligkeit, Ungleichheiten sowie das historische und kulturelle Erbe. Ich bin mir nicht sicher, Herr Präsident, ob die in Deutschland lebenden Franzosen diese Ansicht teilen. Um "wie Gott in Frankreich" zu leben, wie die Deutschen sagen, sollte man besser Eigentümer seiner Wohnung sein. Die Attraktivität von Berlin in den Augen der Franzosen, die sich dort niederlassen wollen, liegt auch in den relativ niedrigen Mieten - ein Phänomen, das sich auch andernorts in Deutschland findet und das viele Vergleiche in Bezug auf die Kaufkraft fälscht.

Knapper Vorsprung

Die Ungleichheiten - diese entsprechen sich laut OECD in beiden Ländern; in Frankreich jedoch sind sie in den vergangenen Jahren gleich geblieben, während sie in Deutschland gewachsen sind. Bleibt noch das historische und kulturelle Erbe. Vorsicht: Unser Land hat zwar noch einen knappen Vorsprung vor seinem Nachbarn, der in diesem Bereich lange Zeit etwas gehemmt war, aber Deutschland legt sich mächtig ins Zeug, um ausländische Touristen anzulocken, und könnte auch auf diesem Gebiet ein ernst zu nehmender Konkurrent werden, wie dies schon im Agrarbereich der Fall ist. Ich hoffe, Herr Präsident, dass Ihnen dieser kurze Überblick von Nutzen sein wird und verbleibe mit freundlichen Grüßen Frédéric Lemaître z

Der Text wurde von Brigitte Schmidt-Dethlefsen übersetzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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