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Jacqueline Hénard
Favoriten auf Augenhöhe

PRÄSIDENTSCHAFT Sarkozy oder Hollande? Nur zwei haben eine Chance

Rein äußerlich haben die zwei manche Gemeinsamkeit. Da ist zunächst einmal das Alter (57) und die Zahl der Kinder (vier). Als Politiker haben sie ausgiebig die in Frankreich übliche Ämterhäufung als Bürgermeister, Abgeordneter, Departements- und Regionalpolitiker praktiziert, so dass jeder von ihnen auf eine jahrzehntelange Berufserfahrung in der Politik zurückblicken kann. Europaabgeordnete waren sie übrigens auch, ganz kurz, 1999. François Hollande ist nach fünf, Nicolas Sarkozy sogar schon nach zwei Monaten wieder zurück nach Paris gegangen. Jetzt wollen beide, was der eine schon einmal geschafft hat: Staatspräsident werden.

Der Wahlkampf 2012 plänkelt weit unter dem Niveau, das er angesichts der bevorstehenden Herausforderungen zur Haushaltssanierung haben sollte. Gerade auf diesem Terrain haben die Favoriten auf ihren höchst unterschiedlichen Wegen durch die politische Landschaft zwar immer wieder Erfahrung gesammelt. Der Debatte ist das aber (noch) nicht anzumerken. Hollande hält sich seit seinem Vorschlag einer Steuer von 75 Prozent für Spitzenverdiener an die Strategie des Sarkozy-Bashing, während Sarkozys Team nicht müde wird, Hollandes mangelnde Regierungserfahrung hervorzuheben.

Aufstiegswille

Ihre Herkunft hat Hollande und Sarkozy jeweils unterschiedlich geprägt. Nicolas Sarkozy stellt sich jung und zielstrebig in den Windschatten von Jacques Chirac. Schon als Gymnasiast tritt er der Jugendorganisation der Gaullisten bei. Bei einem Parteitag darf er zwei Minuten vors Plenum treten - das seine feurigen Worte mit viel Applaus honoriert. Sein Talent ist unübersehbar. In dem Pariser Nobelvorort Neuilly sur Seine, der seine politische Heimat und Basis wird, ist der Jüngling erst seit kurzem zu Hause: Sarkozys Mutter, eine alleinerziehende Anwältin mit drei Söhnen, hat dort ein nicht besonders nobel gelegenes Appartement gekauft.

Das Geld ist immer knapp in der Familie, knapper als in dem tonangebenden Pariser Milieu, zu dem die Söhne unbedingt gehören sollen. Der umtriebige mittlere Sohn, Nicolas, jobbt als Pizzaverkäufer, drängt über Ortsverein und Gemeinderat in die Politik und studiert nebenbei Jura im kommunistisch regierten Nachbarort Nanterre, wo Daniel Cohn-Bendit 1968 sein politisches Debüt gegeben hatte. Viel Zeit fürs Lernen bleibt Sarkozy nicht. Die Anwaltsprüfung besteht er mit allerknappstem Notendurchschnitt. Später studiert er an der Elite-Universität Sciences Po, scheitert beim Abschlussexamen aber an seinem schlechten Englisch. Wie Politik in Frankreich funktioniert, hat er längst begriffen. Mit 29 Jahren gelingt ihm ein strategisches Meisterstück: Sarkozy wird Bürgermeister von Neuilly.

Kaderschmieden

François Hollande stammt aus einem anderen, behüteten Milieu. Sein Vater ist kein Lebenskünstler wie der kleinadelige Flüchtling Pal Sarkozy, sondern ein Hals-Nasen-Ohrenarzt mit Sympathie für rechtsextreme Politik. Hollande erzählt lieber von seiner Mutter, einer Sozialarbeiterin, die ihm den Sinn für die Sorgen der kleinen Leute geschärft habe.

Erst mit 13 Jahren zieht er aus der Provinz nach Paris. Studieren wird François Hollande aber nicht in irgendeiner Vorstadtuniversität, sondern genau da, wo Sarkozy gescheitert ist: in Sciences Po. Als Kompromisskandidat gelangt Hollande an die Spitze der linken Studentengewerkschaft Unef. Er war nicht die erste Wahl, aber er hält sich. Hollande versteht es, die Leute mit Scherzen für sich einzunehmen und große Zukunftspläne zu schmieden. Als François Mitterrand 1981 die Präsidentschaftswahl gewinnt, hat Hollande an drei Elite-Hochschulen reüssiert, darunter die Wirtschaftsuniversität HEC und die Ena, Kaderschmiede der französischen Technokratie. Folgerichtig betritt das frischgebackene Parteimitglied der Sozialisten den politischen Königsweg: Er wird Berater im Élysée-Palast.

Kurze Zeit später sammelt Hollande erstmals Erfahrungen als Wahlkämpfer. Mitterrand schickt ihn in die Corrèze, ein ländliches Departement, zu dem Hollande keine persönliche Bindung hat. Er beackert das regionalpolitische Terrain, schlägt Wurzeln. 1988 wird er zum Abgeordneten in die Nationalversammlung gewählt, verliert den Sitz 1993 aber wieder. Hollande tritt in die Anwaltskanzlei eines Parteifreunds ein, wo er sich um Gebietskörperschaften kümmert. Politisch nähert er sich Jacques Delors, dem Hoffnungsträger der Sozialisten vor der Präsidentschaftswahl von 1995, der jedoch schließlich nicht antritt.

Nicolas Sarkozy ist damals zum ersten Mal Minister, für Haushaltsfragen. Später, nach einer Durststrecke, die auch er zum Einstieg in eine Anwaltskanzlei - für eine private Unternehmerklientel - nutzt, kehrt Sarkozy in die Politik zurück. Er wird Finanz- und Innenminister, wohl wissend, dass Innenminister selten populär sind, "dort ist aber die Machtzentrale des Staats". Ganz offen erklärt er bei einem Fernsehauftritt, dass er "nicht nur beim Rasieren" ans höchste Staatsamt denkt. Als er die Zeit für gekommen hält, greift er nach dem Parteivorsitz der konservativen Sammlungsbewegung Union pour un mouvement populaire (UMP) und mischt sie nach seinen Bedürfnissen auf. Den Sieg von 2007 hat Sarkozy von langer Hand vorbereitet.

François Hollande hat es nie zum Minister gebracht. Mit sehr viel gutem Willen mühen sich Biographen und Weggefährten, dies in eine Stärke umzumünzen. Hollande wolle ein "normaler Präsident" sein, und kein Polarisierer, wie Sarkozy. Seine Strategie sei eben langfristiger. Er dränge sich nicht in den Vordergrund, bevor die Zeit reif sei. Am Ende bekomme er doch, was er wolle. So sah es auch aus, als er 1997 Vorsitzender der französischen Sozialisten wurde. Auf dem Parteitag, der das besiegeln sollte, ging seine Amtsübernahme seinerzeit eher nebenbei über die Bühne.

Notorisch zerstritten

Elf Jahre lang hielt Hollande die notorisch zerstrittene Partei fortan bis 2008 zusammen. Eine lange, aber keine glanzvolle Zeit, in der die Sozialdemokraten in den Nachbarstaaten richtungsweisende Programme wie "New Labour" und die "Neue Mitte" mitsamt der Agenda 2010 hervorbrachten. Erst der Wahlkampf von 2007 holte die französische Funktionärspartei in die Welt des 21. Jahrhunderts. Ségolène Royal erzwang ihre Nominierung mit einer neuartigen Mobilisierungsstrategie gegen den Parteiapparat - und über den Kopf ihres damaligen Lebensgefährten Hollande hinweg.

François Hollande ist gewiss nicht bloß "Herr Witzchen" oder "Der Wackelpudding", wie Genossen ihn in der Vergangenheit gern verspottet haben. Aber: Hätten die Sozialisten ihn jemals zu ihrem Spitzenkandidaten erkoren, wenn Dominique Strauss-Kahn nicht vorher an seiner Unbeherrschtheit gescheitert wäre?

Die in Berlin geborene Autorin arbeitet als Publizistin in Paris. Sie war langjährige Korrespondentin für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Die Zeit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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