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Rudolf Balmer
Auf den Spuren des Vaters

Mit 82 Jahren entschied sich Jean-Marie Le Pen, der Führer der extremen Rechten, schweren Herzens, den Vorsitz des von ihm gegründeten Front National (FN) abzugeben und sich in der Partei mit der Rolle einer grauen Eminenz abzufinden. Der Rücktritt fiel ihm etwas leichter, weil er die Leitung seiner jüngsten Tochter Marine übergeben konnte. Sie war zwar intern nicht unumstritten. Ihre Gegner befürchteten, sie wolle die ausländerfeindliche Parteilinie aufweichen. Ihre Gewandtheit in Fernsehtalks und nicht zuletzt die Autorität ihres Vaters gaben den Ausschlag zu ihren Gunsten. (43) hat die Politik in der Familie gelernt. Schon mit 18 Jahren kandidierte sie ein erstes Mal für den FN bei Parlamentswahlen. Nach ihrem Jurastudium und einer kurzen Tätigkeit als Rechtsanwältin stieg sie voll in die Politik ein. Sie hat fast dieselbe raue Stimme und eine verblüffend ähnliche Mimik und Gestik wie ihr Vater und sie teilt dessen Ablehnung der Elite und Bürokratie in Paris und Brüssel.

Wie er betrachtet sie die Immigration als Grund allen Übels in Frankreich und den Islam als Hauptbedrohung der westlichen Zivilisation. Mit der Parteiführung erbte sie zugleich auch die Nominierung als Präsidentschaftskandidatin. Ihr hochgestecktes Ziel ist es dabei, wie Jean-Marie Le Pen 2002 den Sprung in die Stichwahl zu schaffen. Um dies zu erreichen, versuchte sie zuerst mit einer etwas gemäßigten Rhetorik ihre oft vom "Establishment" verfemte Partei "salonfähig" zu machen. Sie orientierte sich dabei an rechtspopulistischen Vorbildern aus Österreich und der Schweiz. Überraschender war ihre populistische Wende hin zu Arbeitern und zu Opfern der Finanzkrise, denen sie das nationalistische FN-Programm einer strikten Bevorzugung der Einheimischen als Lösung empfiehlt. Sie will namentlich die Zahl der ausländischen Neuzuzügler von heute fast 200.000 auf 10.000 pro Jahr begrenzen. Als scharfe EU-Gegnerin wünscht sie einen Austritt aus der Euro-Währungsgemeinschaft und einen nationalen Protektionismus. Die islamistischen Attentate von Toulouse lieferten ihr den Vorwand zu einer Verschärfung ihrer Tirade gegen die islamische Bedrohung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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