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Rudolf Balmer
Grüne Politik mit roter Brille

Die grüne Präsidentschaftskandidatin von "Europe-Ecologie-Les Verts" (EELV) ist eine Spätberufene der Politik. In ihrer Wahlheimat Frankreich, die sie als norwegisches Aupair-Mädchen entdeckt hatte, war zunächst als hartnäckige Untersuchungsrichterin in großen Finanzaffären bekannt geworden. Sie hatte unter anderem im verästelten Korruptionsfall des Erdölunternehmens Elf-Aquitaine ermittelt, den Konzernchef hinter Gitter und den ehemaligen Außenminister Roland Dumas in Verlegenheit gebracht.

Nach einer vorübergehenden Rückkehr nach Oslo, wo sie als Gro Eva Farseth 1943 auf die Welt gekommen war, wollte sie ihren Kampf für Transparenz in der französischen Politik fortsetzen. Zuerst suchte sie 2007 Anschluss beim Zentrumsdemokraten François Bayrou, verließ diesen aber, weil er "kein Programm hat". Als zweite Spitzenkandidatin der von Daniel Cohn-Bendit angeführten grünen Liste "Europe Ecologie" wurde sie 2009 ins Europaparlament gewählt. Sie wurde zum Symbol der politischen Öffnung bei den französischen Grünen. Überraschend setzte sie sich im Herbst 2011 bei der EELV-Vorwahlen zur Nominierung des Präsidentschaftswahlen gegen den Fernsehstar Nicolas Hulot durch.

Mit ihrer roten Brille und ihrem auch nach 50 Jahren in Frankreich unüberhörbaren nordischen Akzent hatte sie in den Medien sofort ein unverwechselbares Image. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat die grüne Forderung nach einem totalen Ausstieg aus der Atomkraft zudem Anklang wie nie zuvor. Durch die Finanzkrise sind aber für die Wähler Klima- und Umweltthemen weniger wichtig als Kaufkraft und Beschäftigung oder die Sicherheit nach dem Schock der Anschläge von Toulouse. In der Folge hatte Eva Joly größte Mühe, ihre Wahlkampagne in Gang zu bringen und sich für besondere Anliegen wie Straf-Freiheit für Cannabiskonsum Gehör zu verschaffen. Selbst in der eigenen Partei begannen einige an der Kandidatin zu zweifeln, die in Umfragen bei zwei bis drei Prozent stagnierte. Sogar ihr Akzent spielt nun außerhalb der Partei wegen einer latenten Fremdenfeindlichkeit gegen sie.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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