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Alexander Weinlein
Erbfeinde und Waffenbrüder am Rhein

VERTEIDIGUNG Nach Jahrhunderten blutiger Kriege dienen heute deutsche und französische Soldaten Seite an Seite auf dem Balkan oder am Hindukusch

Der Verbindungsoffizier war sichtlich erfreut: "Oui, das war sehr schön, das war sehr deutsch", beschied er dem etwas verlegen lächelnden Leutnant der Bundeswehr mit unüberhörbar französischen Akzent in der Stimme. Der Leutnant hatte einen Ehrenzug von Pionieren aus der Kurpfalz-Kaserne in Speyer angeführt, der zu den jährlich am 4. Dezember stattfindenen militärischen Feierlichkeiten zu Ehren der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Pioniere und Kanoniere, in der benachbarten französischen Kaserne abkommandiert worden war.

Vor der Zeremonie hatte der deutsche Leutnant seinem französischen Kollegen noch davon überzeugen wollen, dass er die Marsch- und Exerzierkommandos an seine Soldaten leise und dezent erteilen werde. Dies hatte ihm den heftigen Widerspruch des Franzosen eingetragen, der darauf bestand, die deutschen Kommandos "laut und deutlich" zu vernehmen. Und so dirigierte der Bundeswehroffizier seine jungen Wehrpflichtigen in gewohnter deutscher Kasernenhoflautstärke durch die kleine Parade in der französischen Garnison am Rhein. Dass die Bundeswehrsoldaten dabei einige Mühe hatten, ihren Gleichschritt während der ungewohnt beschwingt klingenden französischen Militärmusik zu halten, schien niemand zu stören: "Oui, das war sehr schön, das war sehr deutsch."

Bei aller unfreiwilliger Komik, die in der Szenerie steckt, vermittelte sie doch ein gutes Bild vom Verhältnis zwischen französischen und deutschen Militärs im Dezember 1989. Aus den französischen Soldaten, die Ende des Zweiten Weltkriegs als Sieger- und Besatzungsmacht an den Rhein gekommen waren, sind zu diesem Zeitpunkt zwar längst Nato-Verbündete geworden, aber den Deutschen ist im Gegensatz zu den Franzosen doch eine deutliche Zurückhaltung und Bescheidenheit im militärischen Auftreten zu eigen.

Die ehemaligen "Erbfeinde" Deutschland und Frankreich, die sich in den zurückliegenden Jahrhunderten mehrfach und unter entsetzlichen Verlusten bekriegt hatten, rückten in diesen Tagen militärisch deutlich enger zusammen. Zwei Monate zuvor war im baden-württembergischen Böblingen die deutsch-französische Brigade offiziell in Dienst gestellt worden. Auf deren Aufstellung hatten sich Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand und Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Gipfeltreffen am 13. November 1987 in Karlsruhe geeinigt.

Heute umfasst die deutsch-französische Brigade, deren Stab inzwischen in Müllheim stationiert ist, rund 5.900 deutsche und französische Soldaten. Sie verteilen sich auf die neun Standorte Metz und Illkirchen in Frankreich sowie Meßsstetten, Stetten am kalten Markt, Sigmaringen, Immendingen, Donaueschingen und Müllheim in Baden-Württemberg. Die Einheiten sind mit Ausnahme des binationalen Stabes, eines Versorgungsbataillons und einer Instandssetzungskompanie allerdings jeweils rein nationale Verbände. Kommandiert wird der gemischte Verband derzeit vom deutschen Brigadegeneral Gert-Johannes Hagemann und seinem französischen stellvertreter Colonel Wallerand de Madre.

Fünf Jahre nach Aufstellung der deutsch-französischen Brigade zeugte ein wahrhaft historisches Ereignis von der neuen Waffenbrüderschaft am Rhein. Auf Einladung Mitterands nahmen 1994 erstmals Bundeswehrsoldaten der Brigade an der großen Militärparade auf den Champs Élysée anlässlich des französischen Nationalfeiertags am 14. Juli teil. Zuletzt waren während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg 50 Jahre zuvor deutsche Soldaten der Wehrmacht im Stechschritt über den Pariser Prachtboulevard marschiert. Was 1994 bei älteren Franzosen auch noch durchaus mit Unbehagen beäugt wurde, ist inzwischen der Normalfall.

Der Ernstfall kam für deutsch-französische Brigade schließlich in den 1990er Jahren. Deutsche und Franzosen wurden nach Bosnien-Herzegowina und später ins Kosovo entsandt, um nach den Balkankriegen dort den brüchigen Frieden zu überwachen. Heute bekämpfen die Soldaten der Brigade am Hindukusch aufständische Taliban. Eingebunden ist die Brigade in die Befehlsstruktur des Eurokorps, an dem sich neben Deutschland und Frankreich auch Belgien, Spanien und Luxemburg beteiligen und das Kräfte für die schnelle Eingreiftruppe (Response Force) der Nato und für militärishe Einsätze der Europäischen Union bereit stellt.

Den vorläufigen Höhepunkt in der Geschichte der deutsch-französischen Brigade stellt die erstmalige dauerhafte Stationierung eines deutschen Kampfverbandes auf französischem Boden dar. Am 10. Dezember 2010 übergab der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die schwarz-rot-goldene Truppenfahne an Oberstleutnant Frank Lindstedt, Kommandeur des neu gegründeten Jägerbataillons 291, das in Illkirch bei Straßburg seine Garnison bezog. Dies sei ein "historischer Schritt" betonte Guttenberg bei der militärischen Zeremonie im Park Orangerie nahe dem Europäischen Parlament in Straßburg vor den angetretenen Soldaten. Dies sei "eine gute Kulisse", argumentierte der deutsche Verteidigungsminister in Anwesenheit seines französischen Amtskollegen Alain Juppé. "Straßburg und seine Bürger haben unter den Wechselfällen des deutsch-französischen Verhältnisses in der Vergangenheit mehr als andere gelitten."

Die Geschichte der deutsch-französischen Brigade ist somit ein Spiegelbild zur Entwicklung der Beziehungen zwischen beiden Ländern in den vergangenen Jahrzehnten. In diesem Sinne kann man dann auch das Motto der deutsch-französischen Brigade interpretieren: "Un devoir d'excellence - Dem Besten verpflichtet" - der Freundschaft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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