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Stefan Ulrich
Eine ganz besondere Beziehung

Deutschland-FraNKREICH Trotz gelegentlicher Differenzen und verschiedener Interessen ist das Fundament stabil

Der französische Wahlkampf ist noch nicht zu Ende. Doch er hat bereits ein prominentes Opfer. Es nennt sich "le modèle allemand". Monatelang hatte Präsident Nicolas Sarkozy seinen Landsleuten Deutschland als leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt. Ob beim Wirtschaftswachstum, dem Export, bei Jobs, dem Schuldenabbau oder der Sanierung der Sozialsysteme, überall sei der Nachbar erfolgreicher, dozierte er. Bei einer Fernsehansprache Anfang 2012 brachte es der Präsident fertig, zwei Dutzend Mal das Wort "Deutschland" zu gebrauchen. Über dessen Kanzlerin sagte er: "Ich hege Bewunderung für Frau Merkel." Sarkozy neigt zu Übertreibungen, und so ging er auch bei Deutschland ein bisschen zu weit. Deutschen Diplomaten wurde es geradezu mulmig zumute bei all den Elogen auf ihr Land. Kein Volk, und schon gar nicht das französische, möge es, wenn ihm ständig ein anderes als erfolgreicher, tüchtiger, besser vorgehalten werde. Was der Präsident da tue, sei unvernünftig und könne sogar die deutsch-französische Freundschaft beinträchtigen.

Nach rechts gerückt

Diese Sorgen dürften verflogen sein. Denn kaum kam der Präsidentschaftswahlkampf im März richtig in Fahrt, räumte Sarkozy "le modèle allemand" in den Schrank für ausgediente Polit-Konzepte. Von Deutschland spricht er nur noch selten, und Angela Merkel will er nicht mehr bei Wahlkampfveranstaltungen dabei haben. Stattdessen preist Sarkozy wieder den starken französischen Staat, der seine Industrie fördern und notfalls mit neuen Zöllen schützen müsse. Er droht damit, das Schengen-Abkommen über ein grenzenloses Europa zu suspendieren und stichelt auffällig oft gegen die EU, um bei rechtsnationalen Wählern zu punkten. Sarkozys wichtigster Rivale, der Sozialist François Hollande, geht noch weiter. Er will den mühsam von Deutschland durchgesetzten Euro-Stabilitätspakt neu verhandeln lassen, um zu erzwingen, dass Europa eine im Zweifel teure Wachstumspolitik nach französischer Vorstellung finanziert. Gegenüber Berlin glaubt Hollande klarstellen zu müssen: "Es ist nicht Madame Merkel, die im Namen aller Europäer entscheidet."

Was ist los mit dem deutsch-französischen Duo, das so formidabel bei der Euro-Rettung zusammenarbeitete und dessen scheinbare Eintracht sich zum Kunstwort "Merkozy" verdichtete? Eben noch wirkte das Verhältnis so harmonisch-geglättet wie ein ruhiger Sommersee; und nun reicht ein bisschen Wahlkampfwind, um die Wasserfläche aufzuwühlen. Es ist Wahlkampf in Frankreich, und das relativiert vieles. Beide Kandidaten versuchen, ihr Lager zu sammeln, ohne dabei allzu große Rücksicht auf die Wirkung im Ausland zu nehmen. Sarkozy hat das "modèle allemand" getestet, und als er merkte, dass ihm das keine Stimmen mehr brachte, durch ein "modèle français" samt starkem Fürsorgestaat und beschützenden Grenzen ersetzt. Sollte er wiedergewählt werden, dürfte er zum "modèle allemand" zurückkehren. Denn dann wird er seinen Landsleuten all die Sparopfer abringen müssen, von denen im Wahlkampf nicht die Rede ist.

Tiefenschichten

Gewinnt Hollande, wird auch er kaum auf dauerhaften Konfrontationskurs mit Madame Merkel gehen. Die hohe französische Staatsschuld, die EU, die europäischen Partnerstaaten und die Finanzmärkte setzen seinem Gestaltungsspielraum Grenzen. Hollande ist kein radikaler Träumer, der sein Land in den Ruin führen würde, sondern ein sozialdemokratisch orientierter, proeuropäischer Pragmatiker. Sein Problem wird es sein, die für eine Regierungsmehrheit nötigen Koalitionspartner links von den Sozialisten einzubinden. Berlin und Brüssel dürften einem Präsidenten Hollande dabei helfen, indem sie einer - nicht unbedingt konkreten - europäischen Wachstumsinitiative zustimmen.

Wichtiger als solche Oberflächen-Phänomene im Wahlkampf sind die Tiefenschichten der deutsch-französischen Beziehung, also das, was das Verhältnis seit langem prägt. Ein immer wiederkehrendes Phänomen fällt dabei auf. Französische Präsidenten und deutsche Kanzler tun sich zu Anfang schwer miteinander. Mal, weil sie unterschiedlichen politischen Lagern entstammen; mal, weil sie persönlich nicht harmonieren; vor allem aber, weil die politischen Systeme der Nachbarländer so verschieden sind. Links des Rheins herrscht eine Gewaltenballung im Élysée, die es dem Präsidenten ermöglicht, rasche Entscheidungen zu fällen. Rechts des Rheins wird eine besonders ausgeprägte Gewaltenteilung gepflegt, die Kompromisse erfordert und schnellen Beschlüssen entgegensteht. Zudem sind die Einstellungen beider Völker gegenüber dem Staat sehr unterschiedlich. Viele Franzosen akzeptieren, ja verlangen einen starken Staat, der die Gesellschaft schützt. Viele Deutsche dagegen sind misstrauisch gegenüber der Staatsmacht. Hierin zeigt sich der Unterschied zwischen einer Nation mit ungebrochenem und einer mit gebrochenem Geschichtsbewusstsein.

»Wir sind Freunde«

Angesichts all dieser Unterschiede ist es umso erstaunlicher, wie gut sich die deutsch-französischen Paare jedes Mal zusammenraufen. Nicolas Sarkozy und Angela Merkel etwa. Sie entstammen beide dem bürgerlich-konservativen Lager, doch ihre Persönlichkeiten könnten kaum verschiedener sein. Hier der stürmische Advokat aus dem mondänen Pariser Westen. Dort die abwägende Physikerin aus Deutschlands Osten. Sie sind einander auf die Nerven gegangen in der ersten Zeit. Sarkozy flirtete sogar - wie weiland Gerhard Schröder - kräftig mit den Briten, um europapolitisch mehr Spielraum zu bekommen. Heute sagt Sarkozy über Merkel: "Ich bin glücklich, wir verstehen uns immer besser, wir sind Verbündete, wir sind Freunde." Die Kanzlerin wiederum versichert, sie unterstütze Sarkozy bei seiner Präsidentschaftskandidatur "in jeder Facon".

Alarmglocken in Paris

Die stabile Tiefenbeziehung zwischen den beiden Ländern bedeutet jedoch nicht, dass dieses Verhältnis statisch ist. In jüngster Zeit scheint sich eine Machtverschiebung zu vollziehen, die das Gleichgewicht der Kräfte - die Grundlage der Freundschaft - bedrohen könnte. Eine Maxime französischer Nachkriegspolitik war es stets, den wirtschaftlich wiedererstarkenden Nachbarn einzubinden. Darin liegt, aus französischer Sicht, ein wesentliches Motiv für die europäische Einigung. Zugleich achtete Frankreich seit Charles de Gaulle darauf, politisch in einer höheren Liga als Deutschland zu spielen. Frankreich wurde ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat und Atommacht, Deutschland nicht. Frankreich erlaubte sich eine unabhängige Rolle gegenüber den USA, Deutschland nicht. Der Nachbar mochte wirtschaftlich immer mächtiger werden - Frankreich tröstete sich mit seinem politisch-militärischen Übergewicht. Vom "Gleichgewicht zwischen der Bombe und der Mark" war in Frankreich die Rede.

Die deutsche Wiedervereinigung ließ in Paris dann die Alarmglocken läuten. François Mitterrand, der seinem deutschen Freund Helmut Kohl über den Gräbern der Geschichte die Hand gereicht hatte, opponierte nun gegen die Vereinigung. Deutschland sollte nie wieder großmächtig werden, das war seine Sorge. Die Wiedervereinigung konnte Mitterrand nicht aufhalten, doch er erreichte, dass Deutschland die D-Mark, das Wahrzeichen seiner Macht, dem Euro opferte. Die Sorge vor einem übermächtigen Nachbarn aber blieb bestehen. Sie zeigte sich immer wieder, so im Versuch Sarkozys zu Beginn seiner Amtszeit, eine Mittelmeerunion unter Ausschluss Berlins zu gründen.

Und heute? In der allgemeinen Wahrnehmung führt Deutschland, und Frankreich folgt. Weil die deutsche Wirtschaft bislang gut durch die Krise kommt, während die französische leidet; weil Deutschland seine Bestnoten bei der Kreditwürdigkeit hält, während Frankreich herabgestuft wird; weil die Arbeitslosenzahlen rechts des Rheins sinken und links des Rheins steigen, verändert sich der Einfluss der beiden Freunde. Frankreich lächelte oft über deutsche Stabilitätssorgen und Inflationsängste. Noch zu Beginn seiner Amtszeit streute Präsident Sarkozy Geld übers Land, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das Wort "rigueur", "Haushaltsstrenge", war in Paris verpönt. Das hat sich geändert. Zu Beginn der Schuldenkrisen im Euro-Raum geriet der Élysée in Panik, die Spekulation könnte sich gegen Frankreich wenden. Heute singt der Präsident, Seite an Seite mit der Kanzlerin, den vermeintlichen Hallodris im Süden der EU das Lied von der sparsamen schwäbischen Hausfrau.

Mehr Deutsch gelernt

Die deutschen Wirtschaftserfolge beeindrucken die Franzosen bis ins Private hinein. Die deutsche Sprache war in den französischen Schulen lange auf dem Rückmarsch. Nun erzählen Eltern aus gutbürgerlichen Gemeinden im Westen von Paris, sie ermutigten ihre Kinder, wieder Deutsch zu wählen. Denn während in Frankreich junge Leute kaum feste Stellen fänden, würden im Nachbarland qualifizierte Arbeitskräfte gesucht. Dennoch ist der Eindruck falsch, Deutschland dominiere dauerhaft die Beziehung. Die Franzosen erwähnen gern die Demographie, die für sie spreche.

Auf einem ganz anderen Gebiet setzen sich derzeit gerade klassisch französische Vorstellungen durch - bei der Gestaltung Europas. Während in Deutschland Sympathie für ein überstaatliches Europa besteht, mit starken Organen in Brüssel und Ausblick auf einen Bundesstaat, wünschen sich viele Franzosen in der Nachfolge de Gaulles ein "Europa der Vaterländer". Zusammenarbeit ja, Souveränitätsverzicht nein, ist ihr Rezept. Derzeit findet es Anwendung. In den Krisen der vergangenen Jahre wurden Brüsseler Institutionen, insbesondere die Kommission, geschwächt. Fast alle Macht liegt bei den Staats- und Regierungschefs, vor allem bei jenen aus Frankreich und Deutschland. Sarkozy verspricht seinen Wählern, auch künftig eher Souveränität zurückzuholen als abzugeben.

Gemeinsame Interessen

Die Konzeption Europas könnte ein Konfliktfeld zwischen den beiden Freunden werden. Zugleich werden Frankreich und Deutschland aber mehr denn je aufeinander angewiesen sein. Angesichts eines Amerikas, das sich nach Asien wendet, eines Großbritanniens, das sich in seiner Isolation gefällt, eines Russlands, das autokratisch bleibt, und neu aufkommender Großmächte wie China können Paris und Berlin nur zusammen Einfluss in der Welt behalten. Nur zusammen können sie ein Gesellschaftsmodell verteidigen, in dem der Kapitalismus sozialverträglich gestaltet wird. Zudem braucht Deutschland in Europa das Gegengewicht Frankreichs, um von den anderen Ländern nicht wieder als gefährlicher Hegemon in Mittellage wahrgenommen zu werden.

Ein oft zitiertes Bonmot lautet, Staaten hätten keine Freunde, sondern nur Interessen. Jedenfalls sind Frankreichs und Deutschlands gemeinsame Interessen groß genug, um auch in Zukunft eine stabile Beziehung zu ermöglichen. Wenn diese sich nicht am deutschen oder französischen Modell, sondern am "modèle européen" ausrichtet, wird der ganze Kontinent davon profitieren.

Der Autor ist politischer Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Paris

Aus Politik und Zeitgeschichte

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