Inhalt

Dirk Horstkötter
Vorbild Deutschland

VERGLEICH

Maßeinheit für den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen zwei Ländern ist die Leistungsbilanz: Dafür werden von allen Exportwerten sämtliche Importwerte abgezogen. Ein Leistungsbilanz-Plus des einen Landes taucht dann logischer Weise als gleichgroßes Minus bei dem anderen auf. Die deutsche Volkswirtschaft hat gegenüber der französischen schon seit Jahrzehnten einen Vorsprung, allerdings war der zunächst nicht besorgniserregend groß. 1975 zum Beispiel betrug das bundesdeutsche Plus rund 637 Millionen Euro, bei einem Gesamtaustauschvolumen der Güter und Dienstleistungen von gut 27 Milliarden Euro.

Doch inzwischen gibt es das Paar auf Augenhöhe nicht mehr: Deutschland ist dem Nachbarn ökonomisch über den Kopf gewachsen. Für 2011 ermittelten die Statistiker ein Leistungsbilanzplus von fast 32 Milliarden Euro - insgesamt wurden Produkte und Leistungen im Wert von 195 Milliarden Euro hin- und herverkauft. In der Teilbilanz Handel, also dem Export und Import von Waren, lag Deutschland unterm Strich mit fast 35 Milliarden Euro noch weiter vorn. Das dicke Minus für Frankreich drückt die rückläufige Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Industrie aus. Im Bereich der Dienstleistungen konnte das Land einen kleinen Teil des Defizits wettmachen, weil man hier vor allem durch Tourismus und Versicherungsdienstleistungen im Saldo positiv herauskommt.

Die zunehmend schlechte französische Performance prägte auch den Präsidentschaftswahlkampf. Für Amtsinhaber Nicolas Sarkozy war das "Vorbild Deutschland" Teil seines Reformprogramms. Industrieminister Eric Bresson stellte zum Jahresanfang die Ergebnisse einer großen Studie vor, die Gründe für das Zurückfallen der eigenen Wirtschaft im Ländervergleich analysierte. Als deutsche Vorteile wurden der erfolgreiche Mittelstand und die enge Verbindung zu Forschung und Bildung ins Feld geführt. Außerdem profitiere die Volkswirtschaft von Arbeitsmarktreformen, moderaten Lohnabschlüssen und einer insgesamt sehr kooperativen Sozialpartnerschaft.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag