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Sandra Ketterer / Verena Renneberg
Frankreich - das Ausland schlechthin

BEGEGNUNGEN Drei Abgeordnete des Bundestags erzählen von ihren prägenden Erlebnissen im und mit dem Nachbarland

Will Sibylle Laurischk nach Frankreich, muss sie nur über den Rhein fahren. Die FDP-Abgeordnete hat in ihrem Wahlkreis, dem Ortenaukreis in Baden-Württemberg, das Nachbarland direkt vor Augen, eben auf der anderen Seite des Flusses. In ihrer Kindheit, erzählt sie, "war Frankreich einfach das Ausland schlechthin".

Aufgewachsen ist Laurischk im Offenburg der 1950er Jahre, "das war ja noch weitgehend Nachkriegszeit". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden französische Soldaten in ihrer Heimatstadt stationiert, in ihrer Kindergartengruppe spielte Laurischk mit französischen Kindern. Die erste Städtepartnerschaft, die Offenburg einging, war 1959 mit einer französischen Stadt: Lons-le-Saunier. "Alle Schulen waren ständig auf Achse", mit vollen Zügen seien deutsche Schüler ins Nachbarland gefahren und französische Kinder in Offenburger Familien gekommen. "Für uns als Kinder war die europäische Einigung damals nicht so sehr das Stichwort, eher die deutsch-französische Partnerschaft." Etwas Besonderes seien die Ausflüge der Familie nach Straßburg gewesen. Auch wenn die Stadt nur wenige Kilometer entfernt gewesen sei, "das war schon fast eine Reise, wir mussten unsere Pässe vorzeigen und mit fremdem Geld einkaufen". Auffällig für sie: "Da sprachen wir eher Französisch, auch wenn die Franzosen meist Deutsch konnten." Als Deutsche hätten sie versucht, sich anzupassen, nicht so sehr durch ihre Nationalität aufzufallen - ein Resultat des Krieges. Aber dass beide Seiten die jeweils andere Sprache beherrschten, habe sie begeistert. Trotzdem habe sie in der Schule nur ein Jahr Französisch gelernt. Erste Fremdsprache war damals wie heute Englisch.

In den 1980er und 90er Jahren sei die Einigung Europas mehr in ihr Blickfeld gerückt, aber als richtige Zäsur in ihrer Wahrnehmung Frankreichs und ganz Europas bezeichnet Laurischk ihren Einzug in den Bundestag im Herbst 2002. Nur wenige Monate später nämlich trafen sich die Abgeordneten des Bundestages und der Assemblée nationale zu einer gemeinsamen Sitzung in Versailles anlässlich der 40-Jahr-Feier der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages, des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. "Ich saß neben einem französischen Kollegen, der fließend Deutsch sprach." Begeistert über seine Kenntnisse, habe sie ihn gefragt, wo er es gelernt habe. In Ost-Berlin, habe er geantwortet, er hatte in der DDR studiert. "Das zeigte mir, wie einseitig mein Blick war." Denn der Abgeordnete, ein Mitglied der kommunistischen Partei, habe Deutschland aus einer völlig anderen Sicht kennengelernt, die Grenzen in Europa ganz anders wahrgenommen. Vor zwei Jahren schließlich hat Laurischk ihre jüngste Tochter in der Normandie besucht, die dort Jura studierte. Bei ihren Kindern habe sie Wert darauf gelegt, dass sie länger Französisch lernen als sie selbst. Nun habe sich die Tochter ausführlich mit französischem und europäischem Recht befasst. Für Sibylle Laurischk schließt sich damit ein Kreis.

Auch im Leben von Heidrun Dittrich spielt Frankreich eine große Rolle. 1958 geboren, ist die Abgeordnete der Linksfraktion in Baden-Württemberg aufgewachsen, nachdem ihre Eltern aus der DDR flüchteten. "Es gab einen deutsch-französischen Jugendclub, in dem ich mich engagiert habe." Prägend für sie sei ein Schüleraustausch nach Besançon gewesen. "Da habe ich erstmals eine Ausstellung über die Verbrechen der Nazis besucht." Über das Thema sei in ihrer Heimat kaum gesprochen worden, der Geschichtsunterricht habe mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs aufgehört. "Das Erschütternde daran war, dass wir deutschen Schüler mit unseren 16 Jahren keine Haltung zu der Geschichte hatten", sagt Dittrich. Für sie sei das Erlebnis ein Ansporn gewesen, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Schon bald trat sie der Gewerkschaft DAG bei, absolvierte über das deutsch-französische Jugendwerk einen Sprachkurs und leitete deutsch-französische Bildungsurlaube. Der Austausch mit politisch Gleichgesinnten in beiden Ländern habe sie beeindruckt. Während eines Besuches der Assemblée nationale habe sie eine kommunistische Abgeordnete reden hören. Eine neue Erfahrung: "Es ist ganz normal, dass es Parteien links von der SPD geben kann."

Vieles, was Dittrich über Frankreich lernte, kam über die Gewerkschaft zustande. "In Frankreich gibt es Richtungsgewerkschaften, wir haben eine Einheitsgewerkschaft, das war interessant zu sehen." Auch in aktuellen politischen Debatten greift sie auf Wissen über die französische Gesellschaft zurück. Das Betreuungssystem für Kinder, einschließlich der Ganztagsschulen, habe sie sehr beeindruckt. In der Diskussion um die Betreuung von Kindern in Deutschland sei das französische System nie als Vorbild genannt worden - ein Manko, findet Dittrich. Auch die Schulbusse, die die französischen Kinder jeden Abend fast bis vor die Haustür gebracht hätten, seien ihr in guter Erinnerung geblieben. "Das gab es bei uns nicht. Wenn man bei uns eine weiterführende Schule besuchen wollte, musste man einen bestimmten öffentlichen Bus in die Stadt nehmen." Verpasste man den auf dem Rückweg, habe man bei Freunden schlafen müssen.

Dorothea Steiner zog es gleich ein ganzes Jahr in die Stadt der Liebe - aus Leidenschaft zum afrokaribisch-französischen Poeten und Politiker Aimé Césaire. Das Jahr 1974 verbrachte sie meist in der Pariser Nationalbibliothek, um mittels eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes über Cèsaire zu forschen. Zuvor hatte die Grünen-Abgeordnete aus Franken aber zwei Monate als Aupair-Mädchen bei einer französischen Familie gearbeitet. Ihr Französisch, so sagt sie, war zu Beginn "gruselig, aber wir haben in der französischen Familie keine Diskussion ausgelassen und ich habe viel Alltagsfranzösisch gelernt" - und auch, wie man "zweijährigen Jungen beibringt, Artischocken zu essen".

An "die Gegensätze zwischen Frankreich und Deutschland" sei sie damals häufiger erinnert worden. Einmal wollte sie das U-Boot-Museum im ehemaligen Kriegshafen von Brest besichtigen. Da habe sie ein älterer Franzose abgewiesen: "Er hatte das deutsche Nummernschild am PKW registriert und knapp festgestellt: ,Pas d' entrée pour Allmands'", also kein Zutritt für Deutsche, erinnert sich Steiner und erklärt: "Der Grund war natürlich die Erinnerung an die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg und die blutigen Kämpfe nach der Landung der Alliierten im Juni 1944, nach dem D-Day".

Dorothea Steiner selbst ist Jahrgang 1948. Ihr Jahr in Paris war für sie sowohl für Deutschland als auch für Frankreich "politisch entscheidend": den Rücktritt Willy Brandts infolge der Guillaume-Affäre im Mai 1974 bestürzte Steiner. In Frankreich sympathisierte sie gleichzeitig mit den Franzosen, "die in dem Wahlkampf zwischen dem konservativen Giscard D'Estaing und dem sozialistischen François Mitterand für Mitterand votierten". Das empfand Dorothea Steiner damals "als Signal des Aufbruchs in Frankreich". Allerdings gelang es Mitterand erst 1981 Präsident zu werden.

Und natürlich hat Steiner auch 2012 eine klare Meinung zu den aktuellen Präsidentschaftskandidaten im Nachbarland: "Niemand wird sich wundern, dass ich mir heute wünsche, dass die Präsidentschaftsuhr für Nicolas Sarkozy im Mai abläuft, und er von dem Gegenkandidaten Hollande abgelöst wird." Allerdings stellt sie auch an ihren Favoriten konkrete Ansprüche, wünscht sich Steiner doch, "dass Monsieur Hollande zum Thema Atomkraft eine klare Position beziehen würde". Und dann hat Steiner auch noch einen Ratschlag für ihn, nämlich sich "intensiver mit deutschen Argumenten" auseinanderzusetzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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