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Carl-Leo von Hohenthal
Gute Nachbarn

GRENZREGION Vom Zusammenleben und den Problemen der Deutschen und Franzosen im Nordelsass und der Südpfalz

Denkt man an die deutsch-französische Grenze, hat man zunächst den Rhein vor Augen. Von Basel bis Karlsruhe bildet er die deutlich sichtbare Grenze. Ganz anders sieht die Lage im ländlichen Grenzgebiet zwischen dem Nordelsass und der Südpfalz aus. Hier trennen kleine Flüsschen wie die Lauter, nur mehrere Meter breit, Deutschland und Frankreich. Manche Orte entlang der Grenze tragen sogar auf beiden Seiten dieselben Namen: Scheibenhard in Frankreich liegt neben Scheibenhardt in Deutschland, Lauterbourg neben Neulauterburg. Undurchlässig war die Grenze nie, und so verwundert es kaum, dass hier Grenzen scheinbar verschwinden und erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Alte Grenzen bauen sich ab - aber auch neue auf. Denn die Menschen in der Region beunruhigt in erster Linie eine Grenze, die gerade erst neu zu entstehen droht - die Sprachgrenze. Ihr Verlauf ist fließend, eigentlich verläuft sie auf der französischen Seite landeinwärts, ein gemischtes Grenzgebiet bildend. Doch sie rückt hörbar immer näher an die Staatsgrenze heran.

Elsässischer Dialekt

Liesl Weiß wohnt in Büchelberg, nur wenige Kilometer nördlich der Grenze und kennt noch die Zeiten, als Frankreich Kriegsgegner und Besatzungsmacht war. "Aber wir direkt an der Grenze haben uns schon immer gut verstanden." Noch in der Nachkriegszeit habe die Familie Äcker im Nordelsass bewirtschaftet. Und auch die Pfarrer hätten bei Bedarf jenseits der Grenze ausgeholfen, erinnert sie sich. "Wie's fast überall ist, wo Krieg ist, die Leute haben ja keinen Hass aufeinander." Das Elsässerdeutsch sei eine gute Brücke zur Verständigung. Ihre Generation im Elsass spreche noch den Dialekt, schon deren Kinder jedoch kaum noch. Das Elsass ist stets Grenzregion gewesen und wechselte allein in den letzten 150 Jahren viermal zwischen Deutschland und Frankreich hin und her. Das Elsässische oder Elsässerdeutsch steht den süddeutschen alemannischen Dialekten sehr nahe, wenn auch mit vielen französischen Einsprengseln. Ältere Generationen im ländlich geprägten Nordelsass sprechen den Dialekt noch fließend, die jüngeren, nach 1945 Geborenen, erlernen ihn jedoch nur noch selten, weshalb die Verständigung über die Grenzen hinweg schwerer fällt. Die Pfalz hingegen ist nicht zweisprachig.

Ebenfalls aus Büchelberg stammt Katharina Wingerter. "Nach dem Krieg kamen Elsässer zum Arbeiten zu uns, hier gab es früher als bei ihnen viel Arbeit, obwohl sie die Sieger gewesen sind. Aber in dieser Hinsicht haben sie sehr stark aufgeholt." Das Fernsehen, in Grenzgebieten oft Sprachlehrer Nummer Eins, konnte an dieser Grenze jedoch nicht weiterhelfen. Deutsche und Franzosen sendeten lange Zeit ausschließlich nach unterschiedlichen Systemen. In Straßburg sitzt der deutsch-französische Kanal Arte, der jedoch nur in der jeweiligen Landessprache ausgestrahlt wird. Wie leben nun Deutsche und Franzosen heute zusammen? "Eher getrennt", meint sie.

Infrastrukturprobleme

Auch wenn die Menschen die Grenze gerne zum Einkaufen und Arbeiten überqueren, heißt das noch nicht, dass sie auch miteinander leben und nicht nur nebeneinander. Diese Bedenken sieht auch Francis Joerger, seit 20 Jahren Bürgermeister von Scheibenhard im Elsass. "Was wir zusammen machen können, machen wir. Aber der Abbau der Grenzen hat seine Grenzen." Etwa 20 Prozent Deutsche wohnen im französischen Scheibenhard, viele sind wegen der günstigen Grundstücks- und Wohnungspreise hierhergezogen. "Einige wenige kamen nur, weil Wohnen hier billiger ist, und haben sich überhaupt nicht integriert. Die sind aber Gottseidank bereits wieder weg." Für ihn als Kommunalpolitiker krankt die direkte Zusammenarbeit oft daran, dass viele Entscheidungen über die Zentralen in Paris, Berlin oder Mainz laufen. Infrastruktur wie Sportplätze oder Kindergärten sei oft doppelt vorhanden, dagegen fehle es an grenzüberschreitenden Buslinien. Auch mit der Entwicklung der Sprachen steht es laut Joerger nicht zum Besten. "In den nächsten Jahren wird es schlimm. Jetzt tut sich eine echte Grenze auf: die sprachliche Grenze." Die Erfolge, die Sprache des Nachbarn zu unterrichten, seien eher symbolischer Natur. "Das Europa der Einkäufer hingegen hat keine Probleme." Es habe jedoch auch andere Vorteile, an der Grenze zu wohnen: "Insbesondere bei der Arbeit sage ich: Gottseidank! Ohne die deutsche Seite wären wir eine arme Gegend." Gerade an Feiertagen des Nachbarn gebe es ein ausgezeichnetes Geschäft.

"Das größte Problem ist jedoch: Bei jeder Grenzöffnung gab es zwar eine schöne Feier, wir sind jedoch ein Beispiel dafür, dass in Europa nur noch wenig vorangeht. Die Kinder sehen sich nicht. Die Jugend müsste sich treffen, ohne dass das in der Zeitung steht. Mein Enkel ist acht Jahre alt, er kennt niemand auf der deutschen Seite", beklagt Joerger. Wo Zusammenarbeit stattfindet, zwischen Kommunalpolitikern, Vereinen oder Privatpersonen, sei diese gut und aller Ehren wert. "Aber es ist noch so viel zu tun!"

Raymond d'Andlau sieht die Lage nicht so negativ. "Der Dialekt kommt wieder", ist der elsässische Winzer überzeugt. Auf dem Lande werde er viel gesprochen und nun sogar an der Straßburger Universität wissenschaftlich erforscht und gelehrt. Die Frage der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sei immer auch eine Frage der Perspektive. "Meine Freunde aus Zentralfrankreich, die ins Elsass kommen, fragen sich, ob sie noch in Frankreich sind oder schon in Deutschland", sagt er lachend.

Städtepartnerschaften

Probleme beim Zusammenleben der Deutschen und Franzosen sieht d'Andlau nicht. Viele, schon Jahrzehnte alte Städtepartnerschaften belebten die Beziehungen. "Wir waren die ersten mit Beziehungen zu Deutschland!" Und die Beziehungen würden von beiden Seiten auch rege gepflegt und genutzt, zum Arbeiten, Essen, Einkaufen, Wandern, Skifahren. "Und sowieso: Es gibt überhaupt keinen Hass mehr. Eine echte Freundschaft ist entstanden!", betont der Elsässer.

Den Menschen solche Grenzgänge zu ermöglichen ist die Aufgabe von Kristine Clev und ihren zehn Kollegen von der Verwaltung des "Eurodistrikt Region Pamina" im benachbarten Lauterbourg. Entstanden aus der 1991 gegründeten Informations- und Beratungsstelle für grenzüberschreitende Fragen soll der Eurodistrikt den alltäglichen Grenzübertritt in vielerlei Hinsicht erleichtern. Der Name setzt sich zusammen aus "Pa" für Palatinat ( Pfalz), "Mi" für Mittlerer Oberrhein und "Na" für Nord Alsace.

Berufspendler

Pamina will eine Lotsenfunktion einnehmen. "Auch nach 20 Jahren haben wir 2.000 bis 3.000 Anfragen pro Jahr", erläutert Clev. Wie kaum anders zu erwarten sind ein großer Teil davon Steuer- und Rentenfragen und die grenzüberschreitende Arbeit. Im Elsass pendelt jeder zwölfte Arbeitnehmer über die Grenze. Im Nordelsass hingegen ist es sogar nahezu jeder dritte. Täglich pendeln dort 16.000 Franzosen nach Deutschland, aber nur 100 Deutsche nehmen den umgekehrten Weg. "Wir fördern dies nicht direkt, diesen Leuten sollen jedoch keine Nachteile entstehen", sagt Kristine Clev. Beratungsbedarf ist vorhanden: "Es hat schon Einzelfälle gegeben, dass Menschen zu uns kamen, die ihren Altersruhesitz in Frankreich wählen wollten. Allerdings haben wir dann im Laufe des Gesprächs erfahren, dass sie überhaupt kein Französisch können! Wir haben natürlich von ihren Plänen erst einmal abgeraten."

Selbst im Scheidungsrecht kann Pamina weiterhelfen, denn auch nicht jede grenzüberschreitende Ehe hat ein Happy End.

Die Zweisprachigkeit macht Kristine Clev Sorgen, sie ist rückläufig. Die Tendenz junger Deutscher sei es, zu sagen: "Französisch ist schwer zu lernen." Folglich werde Französisch selten als erste Fremdsprache gewählt. Andersherum sei es dasselbe. Man könne das Lernen der jeweils anderen Sprache jedoch nicht forcieren. "Als meine Tochter in die 5. Klasse kam, wählten von 245 Schülern gerade einmal zwölf Französisch als erste Fremdsprache, der Rest entschied sich für Englisch. Und das oft, weil die Eltern selbst nicht gut Französisch sprechen oder zumindest dieser Meinung sind. Dann haben sie Angst, sie könnten ihrem Kind nicht ausreichend helfen", erklärt Clev.

Pamina fördert auch Sportveranstaltungen von Jugendlichen. "Sport ist ein sehr gutes Mittel, um Kinder und Jugendliche zusammenzubringen", betont Clev. Bei Kindern stoße sie oft auf Unverständnis, wenn sie von "Grenzüberschreitendem" spreche. "Die Kinder sehen die Grenze oft eigentlich nicht, sie sind schon weiter als wir."

Eine geradezu neutrale Rolle im deutsch-französischen Grenzgebiet nimmt Nguyen van Tung ein. Er ist der Pächter der ehemaligen deutschen Zollstation, schräg gegenüber dem Sitz von Pamina. Er kocht jedoch weder deutsch noch Französisch, sondern betreibt einen Asia-Wok. Woher seine Kunden stammen, kann Nguyen am Kaufverhalten festmachen: "Meine Kunden kommen zu 80 Prozent aus Frankreich, darunter sind aber auch viele Deutsche, die dort leben. Wenn sie Zigaretten kaufen, kommen sie jedoch eindeutig von der anderen Seite der Grenze, dort sind sie deutlich teurer." Als Kunden sind ihm Franzosen und Deutsche gleichermaßen willkommen - und die Sprachbarriere umgeht er gekonnt mit zahlreichen Gesten.

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Freiburg im Breisgau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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