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Sybille Deppe und Sandra Schmid
Currywurst am Louvre und für die Liebe nach Berlin

ZUHAUSE BEIM NACHBARN Gerhard Weber und Florence Deppe-Prugnaud fühlen sich in der neuen Heimat wohl. Ein Stück der alten haben beide mitgenommen

An den Brezeln in der Vitrine ist es sofort zu erkennen: Hier in "Le Stube", mitten in Paris, werden deutsche Spezialitäten serviert. Gerhard Weber ist der Hausherr. Seit 26 Jahren lebt der gebürtige Hesse in Paris. Vor zwei Jahren haben Weber und seine Frau Sylvie die kleine Imbiss-Stube eröffnet, gleich um die Ecke vom Louvre. "Wir haben uns damals gefragt: Was fehlt uns hier in Paris, was mögen wir gerne in Deutschland?", erzählt Weber. Die Antwort lautete: "Unsere Art zu essen."

"Wir sind von der Idee der Currywurst ausgegangen", sagt Weber. In "Le Stube" ist sie aus Rind- statt aus Schweinefleisch. Alles ein bisschen leichter, weniger fett. Der Ketchup wird hausgemacht. "Für die Fans der Currywurst nicht scharf genug und nicht genug Schweinerei", räumt Weber lächelnd ein. Aber den vielen Stammgästen des kleinen hellen Lokals mit Holztischen und Lederbänken schmeckt die Wurst genauso gut wie der Bismarck-Hering, die Frikadellen, die Frankfurter Grüne Sauce, die Käsesahne- oder Schwarzwälderkirschtorte.

Für das Süße ist Weber der Spezialist. Das Backen habe er zu Hause im nordhessischen Sachsenberg parallel zum Laufen gelernt, mit zweieinhalb Jahren, erzählt der drahtige Mann mit dem kleinen Zopf. Eigentlich hatte er die elterliche Bäckererei übernehmen sollen, als Bäcker in der fünften Generation. Doch nach den Lehrjahren in Düsseldorf und Bonn lockte eine Anzeige aus Frankreich: Eine Pariser Konditorei suchte für sechs Monate einen deutschen Bäcker. "Ach, da kommst du aber nicht wieder", sagte der Vater damals - und sollte recht behalten.

Die Konditorei im 17. Pariser Arrondissement gehörte der Familie Blum. Der deutsche Bäcker Werner Blum war seiner französischen Frau aus Liebe nach Paris gefolgt, aber schon früh gestorben. Madame Blums "sehr charmante Tochter" war selten im Betrieb zu sehen. Doch eines Tages lud sie den jungen Deutschen zum Essen ein. "Damit hat alles angefangen." Gemeinsam führte das junge Paar die Konditorei weiter bis Ende 2008 - um dann nach einem Jahr Auszeit noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen: "Le Stube".

Inzwischen sind die zwei Söhne erwachsen. Johann ist 24 und Theo 21 Jahre alt. Der jüngere bedient an diesem Nachmittag hinter der Salat- und Kuchentheke - auf Französisch natürlich. Das ist die gemeinsame Sprache der Familie zu Hause. "Aber wir haben deutsche Gewohnheiten", erzählt Weber. "Das Abendessen ist eher ein Abendbrot - mit Brot, Aufschnitt, Käse und Salat." Und Sohn Johann entdeckt Deutschland gerade über die Musik. "Er stellt mir Playlisten für die Backstube zusammen mit neuer deutscher Musik von Gunnar Stiller oder Guy Borato zum Beispiel."

Weber selber, heute 47 Jahre alt, kann sich ein Leben anderswo als in Paris nicht mehr vorstellen. Vom ersten Tag an habe er viele Franzosen kennengelernt, Musiker und Künstler. Aus Bekanntschaften wurden Freundschaften. Zwei Worte habe er in Paris aus seinem Vokabular gestrichen: "Langeweile und Einsamkeit."

"Es war kalt, grau und die Häuser baufällig." Florence Deppe-Prugnaud sitzt in einem Café in Berlin-Prenzlauer Berg vor ihrem Milchkaffee und erinnert sich an ihren ersten Abend in diesem Viertel, im Februar 1997. Die Pariserin war damals zum ersten Mal in Deutschland. Der Grund? "Die Liebe", antwortet die heute 40-Jährige lächelnd und erzählt von ihrem Mann.

Kennengelernt hatten sich die Französin und der Deutsche ein Jahr zuvor in den USA. Die Personalmanagerin arbeitete in Washington bei einer Nicht-Regierungsorganisation. Andreas, ein Wirtschaftsingenieur, promovierte. Nach Jahren im Ausland wollten die beiden zurück nach Europa. Als Wohnort wählten sie Berlin - auch wenn Florence anfangs kaum Deutsch sprach und über das Land, das ihre neue Heimat werden sollte, nicht viel wusste. Doch die deutsche Hauptstadt gefiel ihr: "Berlin hat eine besondere Energie - kreativ und locker." Das Leben dort beschreibt die Französin als Freiheit. "In Paris war ich eine ‚Gefangene' meines sozialen Systems. In Berlin kann ich leichter ich selbst sein."

Sie lernte rasch Deutsch, machte sich zusammen mit ihrem Mann mit einer international tätigen Unternehmensberatung im Bereich neuer Energiesysteme selbstständig. Auch ihr Freundeskreis ist international. Nur Franzosen umfasste er anfangs bewusst nicht: "Ich wollte mich hier integrieren, ein Gefühl für die deutsche Kultur bekommen", erklärt Florence. So versuchte sie, weniger temperamentvoll zu sein und sogar auf die typisch französischen Begrüßungsküsschen zu verzichten. "Ich wurde ganz schön deutsch." Auch wenn kein Tag ohne Croissant vergeht, Sehnsucht nach französischer Lebensart gestattet sich Florence nicht: "Ich vermisse nicht - das ist mein Motto. Sonst schafft man es nicht im Ausland." So begann sie auch erst wieder Kontakte zu Franzosen zu pflegen, als sie sich in Deutschland angekommen fühlte. Seit sechs Jahren hält Florence nun aber mit viel Elan das Netzwerk "Connexion Française" zusammen, das sich die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen auf die Fahnen geschrieben hat. Zu den Treffen, die Florence monatlich organisiert, kommen nicht selten 100 Personen.

Zu ihren Wurzeln zurückgebracht hat sie aber vor allem ihre fast zweijährige Tochter: "Sie hat mich daran erinnert, dass ich Französin bin", sagt Florence. Schwangerschaft, Geburt und das Leben mit Kindern - Deutsche gingen damit anders um als Französinnen, findet sie. Gerade in Prenzlauer Berg wollten es die Frauen besonders gut machen, setzten sich dabei aber unter Druck. Alles müsse "natürlich" sein: Die Geburt ohne Schmerzmittel am besten im Geburtshaus, die Ernährung nur "bio". Auch die Begleitung einer Hebamme hat Florence überrascht: "In Frankreich gehen die Frauen ins Krankenhaus und entbinden. Punkt." Trotz solcher Unterschiede: Berlin ist der Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlt. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, wie sie es plant, ist daher nur konsequent: "Ich lebe hier und will mich einbringen - nicht nur Steuern zahlen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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