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Sebastian Borger
Exzentriker-Duell an der Themse

LONDON Bürgermeister Boris Johnson kämpft gegen seinen Vorgänger Ken Livingstone um das Rathaus

Den Kronanwalt John Nutting gut vernetzt zu nennen ist eine Untertreibung. Der Adelige hat vor Gericht gelegentlich die Interessen der Queen vertreten, auch Spitzenpolitiker vertrauen sich ihm an. Natürlich ist einer wie Nutting beiden aussichtsreichen Kandidaten für den einflussreichen Posten des Londoner Bürgermeisters persönlich begegnet und kann sich deshalb ein persönliches Urteil erlauben. Warum er nicht für den Sozialdemokraten Ken Livingstone stimme, sondern für den Konservativen Boris Johnson, begründet Nutting so: "Weil ich glaube, dass Boris lediglich exzentrisch ist, während Ken ziemlich verrückt ist."

Was vor Gericht eine Rüge zur Folge hätte, gilt im Schlagabtausch vor der Londoner Kommunalwahl am kommenden Donnerstag als ganz normal. Die politisch Interessierten unter den acht Millionen Hauptstädtern sprechen mit wenig Begeisterung über die beiden Kandidaten. Amtsinhaber Johnson, 47, feiert den neuen Routemaster-Bus, einen Doppeldecker mit Schaffner und offener Plattform zum Aufspringen zwischen Bushaltestellen, als wichtige Großtat: preisgünstig, innovativ, sparsam im Verbrauch, mutig - so wie seine erste Amtszeit.

Im Augenblick tourt der Konservative durch die Säle der Stadt, einen alten Bekannten stets an seiner Seite: Ken Livingstone, 66, der vor Johnson acht Jahre lang im Rathaus an der Themse regierte. Mal vor Rentnern, mal vor kirchlich Engagierten, mal vor Bankern im Finanzzentrum City of London streiten sich die beiden Charismatiker über die Zukunft der Weltstadt, die 2012 Austragungsort der Olympischen Spiele ist.

Am Donnerstag gehe es um eine "historische Wahl" für die Londoner, behauptet Johnson und skizziert seine Pläne für mehr Sozialwohnungen und Verkehrssicherheit, während er die "Verschwendungssucht" seines Vorgängers kritisiert. Livingstone hingegen prangert die massiv gestiegenen Preise im öffentlichen Nahverkehr an und verspricht den Londonern "durchschnittliche Einsparungen von 1.000 Pfund", umgerechnet 1.200 Euro pro Jahr.

Das Pointen-Feuerwerk der beiden Allein-Unterhalter - beide waren früher gern gesehene Gäste in TV-Shows - täuscht darüber hinweg, wie wenig der Repräsentant der größten Stadt Europas eigentlich zu sagen hat. Wirklich zuständig ist der Bürgermeister nur für den öffentlichen Nahverkehr und die Stadtplanung; deren Umsetzung liegt weitgehend in der Hand der 33 Bezirke. Die Verantwortung für die Metropolitan Police teilt sich Johnson wegen deren nationaler Zuständigkeit für Terrorismus mit der Innenministerin der britischen Regierung.

Dennoch gilt das erst 2000 erstmals besetzte Amt des direkt gewählten Bürgermeisters als Erfolgsgeschichte in einem Land, dessen Kommunalregierungen seit Jahrzehnten ein Mauerblümchen-Dasein fristen. Bei Referenden sollen die Bewohner großer Städte wie Birmingham, Manchester und Newcastle am Donnerstag darüber entscheiden, ob auch dort das Stadtoberhaupt vom Volk gewählt werden soll, statt wie bisher aus der Mitte des Rates. Viele Befürworter führen London als positives Beispiel an: Dort habe die Stadt wenigstens ein Gesicht. Mag es auch exzentrisch sein - oder sogar verrückt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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