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Katrin Gänsler
Gefährliches Machtvakuum

MALI Das Land war einst Vorbild für ein demokratisches Afrika. Jetzt steckt es in einer tiefen Krise

Knapp sechs Wochen nach dem Staatsstreich ist auf den Straßen Bamakos nicht mehr viel vom politischen Umsturz zu spüren. Das Leben geht weiter, so sehen das viele Menschen, die in der Hauptstadt Malis leben. Ähnlich ruhig war es bereits ein paar Tage nach dem 21. März. Sprichwörtlich über Nacht und ohne Vorzeichen hatten malische Soldaten das Staatsfernsehen und den Präsidentenpalast eingenommen und den bisherigen Präsidenten Amadou Toumani Touré gestürzt, in Mali ATT genannt. Dem Militär ging es dabei weniger um seine Herrschaft. Vielmehr wollte es deutlich machen: Die Lage im Norden eskaliert, und die Politik muss endlich nach einer für alle Seiten akzeptablen Lösung suchen.

Ende April scheint Mali davon weiter denn je entfernt zu sein. Denn nach dem Putsch haben die Regierungstruppen, die seit Januar ohne Aussicht auf Erfolg kämpften, der "Nationalbewegung zur Befreiung von Azawad" (MNLA) den Norden mehr oder weniger kampflos überlassen. Die MNLA nahm nicht nur alle großen Städte ein, sondern rief gleichzeitig ihren eigenen Staat mit dem Namen Azawad aus, der international freilich nicht anerkannt wird. Für viele Menschen, die in der dünn besiedelten Sahelregion leben, entwickelt sich Azawad nun zur persönlichen Katastrophe.

Lebensmittel knapp

Schon vor dem Putsch galt die Versorgungslage im Sahel als äußerst prekär. Vergangenes Jahr war der Niederschlag niedriger als üblich ausgefallen, weshalb die Vorratskammern vielerorts leer sind. Bis zur nächsten Ernte vergehen noch Monate. Betroffen sind all jene Menschen, die keinerlei Rücklagen haben, um fehlende Lebensmittel zu hohen Preisen dazu zu kaufen. Im ganzen Land, in dem rund 14 Millionen Menschen leben, sollen 1,8 Millionen von ihnen davon betroffen sein. Auf den Märkten gibt es aber nach wie vor Nahrung zu kaufen. Marktfrau Fatoumata Traoré Toro, die in Mopti, dem Wirtschafts- und Tourismuszentrum in Zentralmali lebt, hat große Mengen an Tomaten, Gurken und Chilischoten im Angebot. "Aber es wird schwieriger, Nachschub zu besorgen. Die Lage im Norden macht uns zu schaffen", seufzt sie.

Dabei haben sie und die übrigen Einwohner im Bezirk Mopti großes Glück gehabt. Immer wieder war spekuliert worden, ob die MNLA bis dorthin vordringt. Doch Mopti gehört nicht zu Azawad. Dort verschlechtert sich die Versorgungslage täglich. In vielen Orten sind Ladentüren verbarrikadiert und Banken geschlossen, berichten Augenzeugen. Wie lange der häufig ohnehin schon spärliche Lebensmittelvorrat noch reichen wird, ist unklar.

Doch noch eine weitere Sorge plagt die Menschen in Mali: Die Angst vor der Radikalisierung der Religion. Mit der Ausrufung Azawads ist deutlich geworden, wie stark sich islamistische Zusammenschlüsse bereits ausgebreitet haben. Als besonders gefährlich gilt die Gruppe "Ansar Dine" (Verteidiger des Glaubens), die in den vergangenen Monaten wie die MNLA gegen die Regierungstruppen kämpfte und nun in den von ihr eroberten Gebieten schwarze Scharia-Flaggen hisst.

Schon seit längerer Zeit ist außerdem darüber spekuliert worden, welchen Einfluss die AQMI - die Al-Qaida im Islamischen Maghreb - in der Region hat. Spektakuläre Entführungsfälle von Europäern wie im November 2011 in Timbuktu sprachen dafür. Doch dagegen unternommen hat die malische Regierung offensichtlich wenig. Auch viele Beobachter sahen AQMI kurz vor dem Putsch eher als eine Randerscheinung. Der Norden ist jetzt dennoch zum Sammelbecken radikaler Gruppierungen geworden. Laut Annette Lohmann, die in Bamako die Friedrich-Ebert-Stiftung leitet, verliert die MNLA jetzt zunehmend die Kontrolle an die Islamisten. Die MNLA im Kampf gegen sie einzusetzen und im Gegenzug ein Autonomiegebiet einzurichten, würde ein hohes Risiko bergen. Ohnehin weiß niemand, wie viele Tuareg sich überhaupt ein Autonomiegebiet oder sogar einen eigenen Staat wünschen. Die MNLA wird zwar Tuareg-Armee genannt, doch vereint sie längst nicht alle Nomaden hinter sich. "Sie ist keine breite politische Bewegung, sondern stellt eine radikale Minderheit dar", sagt Lohmann. Außerdem leben in der Region längst nicht nur Tuareg, sondern viele andere ethnische Gruppen, die sich nun um ihre Rechte sorgen könnten.

So ist es den Tuareg selbst jahrzehntelang ergangen. Einst lebten sie in der Sahara in großen Stämmen zusammen, die politisch, sozial und wirtschaftlich völlig autonom waren. Auf Tamashek, ihrer Sprache, bedeutet das Wort Tuareg "freier Mensch". Diese Freiheit wurde ihnen vermutlich zum ersten Mal durch die Kongo-Konferenz von 1884 und 1885 genommen, als in Berlin die europäischen Großmächte Afrika unter sich aufteilten. Für das Nomadenvolk bedeutete das eine Aufteilung in fünf verschiedene Länder: Neben Mali lebten sie in Burkina Faso, Niger, Algerien und Libyen. Auch die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten verbesserte ihre Lage nicht. Und auch der gerade gestürzte Präsident Touré kümmerte sich nicht um eine bessere Integration der Tuareg.

Neuwahlen

In Bamako ist indes eine Übergangsregierung ernannt worden, die bis Ende Mai Wahlen vorbereiten soll. Aufgrund der Situation im Norden gilt das als sehr unwahrscheinlich. Um dennoch Druck auf die Regierung zu machen, aber auch um möglicherweise militärisch gegen MNLA und Islamisten vorzugehen, hat am vergangenen Donnerstag die Westafrikanische Regionalorganisation Ecowas entschieden, 3.000 Soldaten nach Mali zu schicken.

Die Autorin ist Westafrika-Korrespondentin mehrerer deutscher Zeitungen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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