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Jörg Biallas
Solidarität ist Pflicht

VON JÖRG BIALLAS

Diese Zahlen machen nachdenklich, ja Sorgen: 2,4 Millionen Deutsche brauchen schon heute Pflege. 1,2 Millionen Menschen sind an Demenz erkrankt. In wenigen Jahrzehnten könnte es vier Millionen Pflegebedürftige geben, viele davon dement. Hinzu kommt die Gewissheit der Ungewissheit: Es kann jeden treffen - ob arm oder reich, alleinstehend oder mit Familie, in vergleichsweise jungen Jahren oder erst im hohen Alter. Die Wahrscheinlichkeit jedenfalls ist groß, sich eines Tages mit dem Thema Pflege auseinandersetzen zu müssen, wenn nicht als unmittelbar Betroffener, dann als Angehöriger.

Niemand wird behaupten, diese Gesellschaft sei ausreichend darauf vorbereitet. Es ist ja auch nicht besonders angenehm, über den Umgang mit Krankheit und Tod nachzudenken. Und doch ist genau das nötig, um die Fragen zu beantworten, die längst gestellt sind und die mit jedem Tag drängender werden.

Wie lässt sich Pflege nachhaltig und zuverlässig finanzieren?

Wo können gerade demente Menschen möglichst lange selbstbestimmt wohnen?

Wann haben pflegende Angehörige Anspruch auf Hilfe?

Wer kann diese Hilfe so flexibel leisten, dass die Entlastung das Gefühl der Verantwortung in der Familie nicht verletzt?

Was ist zu tun, damit gerade bei der stationären Pflege das Gebot der Menschenwürde bedingungslos erfüllt wird?

Die Politik muss in erster Linie zukunftsfähige Finanzierungsmodelle vorlegen. Das ist keine leichte Aufgabe, weil eine effektivere Pflegestruktur nicht aus der Portokasse bezahlbar ist. Die Wahrheit kommt deshalb unpopulär daher: Ohne höhere Abgaben oder verbesserte private Vorsorge wird es, bei der Pflege ebenso wie bei der Rente, wohl auf Dauer nicht gehen.

Dank des medizinischen Fortschritts werden in den von Wohlstand geprägten Nationen immer mehr Menschen immer gesünder immer älter. Das ist keine Last. Zunehmend werden lebenserfahrene und lebensfrohe Senioren als Bereicherung empfunden - in der Familie, bei Sozialprojekten, in der Arbeitswelt. Die Gesundheit ist dabei wichtigste Voraussetzung und ein Geschenk, das durch nichts zu ersetzen ist. Schon aus Dankbarkeit für das eigene Wohlergehen ist Solidarität mit denen, die dieses Glück nicht haben, Pflicht. Kranke und ihre Angehörigen haben ein Recht auf Hilfe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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