Inhalt

Jan Eisel
Wenn das Essen im Mülleimer landet

ERNÄHRUNG Schon bei Verfärbungen von Obst und Gemüse greifen die Verbraucher nicht mehr zu. Experten: Die Mindesthaltbarkeit ist nicht mit dem Verfallsdatum zu verwechseln

Die Meldungen hatten Entsetzen ausgelöst: Elf Millionen Tonnen Lebensmittel würden in Deutschland Jahr für Jahr auf dem Müll landen, während der Hunger rund um den Globus immer noch ein großes Problem ist. Der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Bundestages versuchte in der vergangenen Woche, dem Problem nachzugehen und ließ in einer öffentlichen Anhörung Experten zu Wort kommen.

Das Mantra der Vielfalt, der frischen Optik und der ständigen Verfügbarkeit von Lebensmitteln ist nach Ansicht von Petra Teitscheid von der Fachhochschule Münster ein wesentlicher Grund für Lebensmittelverschwendung. Wenn der Verschwendung in Zukunft ein Riegel vorgeschoben werden soll, müssen "alle etwas dazu beitragen", sagte die Wissenschaftlerin in der öffentlichen Anhörung. Damit betonte Teitscheid, dass sie nicht nur die Verbraucher in der Pflicht sieht.

Haltbarkeitsdatum

Franz-Martin Rausch vom Bundesverband des deutschen Lebensmittelhandels plädierte dafür, dass die Verbraucher besser über die Bedeutung der Mindesthaltbarkeitsdauer auf Produkten informiert werden müssten. Auf diese Weise könne vermieden werden, dass pauschal Lebensmittel den Weg in die Mülltonne finden würden, die nur aufgrund des Verfalls des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr verzehrt würden, obwohl diese in der Regel gut seien.

Klaus-Peter Feller von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie pflichtete bei: "Die Verbraucher müssen befähigt werden, sorgsam mit Lebensmitteln umzugehen." Von rund elf Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel würden etwa 6,6 Millionen Tonnen über den Hausmüll entsorgt. Feller schlug vor, mehr für die Verbraucherbildung zu tun, indem in der Früherziehung und an Schulen mit der Sensibilisierung für das Thema begonnen wird. Er lehnte jedoch die Forderung ab, das Mindesthaltbarkeitsdatum als Orientierung abzuschaffen. "Es grenzt sich klar vom Verfallsdatum ab und ist zu verstehen." Neue Begriffe müssten ebenfalls erst eingeführt werden und könnten auch missverstanden werden.

Weitergabe kaum möglich

Jürgen Benad vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband machte deutlich, dass es nicht im Interesse der Gastronomie sei, Lebensmittel zu verschwenden. Zum einen sei die gewerbliche Entsorgung teuer und zum anderen würde kein Unternehmer gerne auf den Kosten unverbrauchter Lebensmittel sitzenbleiben wollen. "Die Weitergabe übrig gebliebener Lebensmittel an Tafeln ist nicht einfach", erklärte er. Was an Gäste nicht verkauft und mitgegeben wurde, unterliege bei der bloßen Weitergabe für gute Zwecke strengen Vorschriften. "Ein Risiko, das die Gastronomen scheuen." So müsste bei einem Weitertransport die Einhaltung der Kühlkette beachtet werden, Desinfektionsschutzgesetze und Hygieneverordnungen eingehalten werden. Der gute Wille, von den Resten etwas abzugeben, ziehe zusätzliche Kosten und mehr Verantwortung nach sich.

Der Journalist Stefan Kreutzberger widersprach seinen Vorrednern jedoch, dass das Problem in erster Linie ein Problem auf der Seite der Verbraucher sei. "Es müssen sich auch mal die Äcker genau angeschaut werden", sagte er. Viele Lebensmittel würden untergepflügt, weil sie nicht den Normen entsprechen oder die Preise nicht gut genug seien. "Diese werden bloß nicht als Lebensmittel betrachtet", kritisierte der Journalist, Es sei "klar, dass dann in den Studien nur noch die Verbraucher übrig bleiben." Auch glaubte er, dass es dem Einzelhandel im Grunde egal sei, wie viel die Kunden wegwerfen würden: "Hauptsache, es wird viel verkauft."

Kreuzberger schlug vor, dass die Normen gelockert werden, wie Lebensmittel auszusehen haben. Auf diese Weise könnten Lebensmittel mit unterschiedlichen Qualitätsstufen angeboten werden, ohne dass zum Beispiel vermeintlich "hässliche" Gurken oder Möhren erst gar nicht in den Handel kommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag