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Götz Hausding
Das Ziel heißt London

OLYMPIA Die Vorfreude auf die Sportlertreffen in der britischen Hauptstadt steigt. Einzig die "Causa Erfurt" macht Probleme

In weniger als neun Wochen starten die Olympischen Sommerspiele 2012 in London. Die Gastgeber sind guter Dinge und verbreiten Zuversicht. "Wir erwarten die größte Show der Welt", sagte Simon McDonald, britischer Botschafter in Deutschland und vergangene Woche Gastgeber einer Sitzung des Bundestags-Sportausschusses. Allein zu den am 27. Juli beginnenden Olympischen Spielen würden 15.000 Sportler aus 200 Ländern erwartet, sagte McDonald. Bei den Paralympics, die am 29. August beginnen, würden weitere 4.200 Sportler aus 160 Ländern starten, ergänzte Alan Dickson vom Internationalen Paralympischen Komitee. Planung und Vermarktung beider Veranstaltungen seien "besser als je zuvor", zeigte sich McDonald auf der Ausschusssitzung in der britischen Botschaft sicher.

Kein Anhängsel

Angesichts von mehr als 1,5 Millionen verkauften Tickets für die Wettkämpfe könne man feststellen, "dass die Paralympics immer mehr in den Vordergrund rücken und nicht mehr nur ein Anhängsel der Olympischen Spiele sind", sagte Friedrich Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Auch das Medieninteresse sei gestiegen. Mit Ausnahme der Primetime würden im deutschen Fernsehen den ganzen Tag Wettkämpfe der Paralympischen Spiele übertragen. Die Aktiven-Sprecherin Manuela Schmermund betonte, für die Sportler seien die Spiele der große Höhepunkt. "Wir wollen alle hinfahren und alles gewinnen", sagte sie. Die Vorgaben für die Qualifikation seien aber sehr hart. Anders als bei den "Fußgängern" reiche bei den Behindertensportlern eine Finalchance nicht aus. "Es muss schon eine Medaillenchance bestehen", sagte die Sportschützin, die ebenfalls noch in der Qualifikation steckt.

Karl Quade, DBS-Vize und Delegationsleiter in London, lobte den inklusiven Charakter der Spiele in London. "Es ist eine gemeinsame große Veranstaltung", sagte er. So werde das Team der Paralympics in den gleichen Unterkünften wohnen wie zuvor die deutschen Olympiateilnehmer. Auch fänden die Wettkämpfe in den selben Sportstätten wie bei den Olympischen Spielen statt.

Bevölkerung gewonnen

Wahre Inklusion sei aber nur dann gegeben, wenn Medaillengewinner der Paralympics dieselben Prämien erhielten wie ihre Olympischen Kollegen, wandte der Abgeordnete Ilja Seifert von der Linksfraktion ein. DBS-Präsident Beucher entgegnete: "Wir sind dazu in intensiven Gesprächen mit der Deutschen Sporthilfe." Mit einem Ergebnis sei in etwa vier Wochen zu rechnen. Zum Thema Barrierefreiheit ergänzte Delegationsleiter Quade auf Nachfrage der Grünen-Abgeordneten Maria Klein-Schmeink, dass diese in allen Sportstätten und dem Paralympischen Dorf gegeben sei. Botschafter McDonald fügte hinzu: "Alle neu gebauten U-Bahnen sind auch barrierefrei."

Für die Stimmungslage der Londoner Bevölkerung interessierten sich sowohl der CDU-Abgeordnete Klaus Riegert als auch der FDP-Abgeordnete Joachim Günther, der sich überrascht zeigte, dass kaum von Protesten gegen die Olympiabauten zu hören gewesen sei. "Die Stimmung ist fantastisch, die Vorfreude steigt", antwortete McDonald, um augenzwinkernd hinzuzufügen: "Ich bin der britische Botschafter. Da dürfte diese Meinung nicht überraschen." Wer sich einen Eindruck machen wolle, müsse selbst London besuchen. Aufmerksam hingehört dürften die Abgeordneten haben, als McDonald darüber sprach, wie die Bevölkerung für die Spiele gewonnen wurde. Alle Vorbereitungen seien mit den Kommunen in Ost-London gemeinsam besprochen worden: "Das ist sehr, sehr wichtig." So habe man mit den Kommunen auch die Nachnutzung des Olympiaparks erarbeitet. "Ost-London bekommt jetzt einen Park ähnlich dem Hyde-Park", sagte der Botschafter. So etwas helfe, um die Stimmung zu verbessern.

Die Stimmungslage bei den deutschen Olympiaaspiranten dürfte derzeit von Anspannung geprägt sein. Die Nominierung der Teilnehmer beginnt laut Christa Thiel, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), mit der Präsidiumssitzung am Donnerstag dieser Woche. Nach einer abschließenden Sitzung am 4. Juli stehe das Team endgültig fest, sagte Thiel. Dann würden auch Trainer und Betreuer nominiert sowie "Einzelfälle entschieden". Derzeit sei von einer Mannschaftsstärke von 380 Sportlern auszugehen, ergänzte Thomas Sinsel, stellvertretender Leistungssportdirektor beim DOSB. Problematisch, so räumte er auf Nachfrage von Martin Gerster (SPD) ein, sei die schwache Besetzung in den Mannschaftssportarten. Lediglich die beiden Hockeyteams hätten sich schon qualifiziert. Die Herren-Volleyballmannschaft habe noch eine Chance dazu. Im Fußball, Handball und Basketball seien aber sowohl die Damen- als auch die Herrenteams in der Qualifikation ausgeschieden.

Dopingdiskussion DOSB-Vize Thiel nahm auch Stellung zu der "Causa Erfurt". Am dortigen Olympiastützpunkt hatte ein Mediziner Eigenblutbehandlungen an Sportlern vorgenommen. Umstritten ist, ob dieses Verfahren erst mit dem neuen Code der Welt-Doping-Agentur (Wada) 2011 verboten wurde oder schon vorher unzulässig gewesen sei. SPD-Mann Gerster bezog sich auf Meldungen, wonach einem von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) in Auftrag gegebenen Gutachten auch Fälle vor 2011 als Dopingvergehen einzustufen seien. "Hat das Auswirkungen auf die Nominierungen?", wollte er wissen. Sie kenne nur das Ergebnis, habe aber das Gutachten noch nicht gelesen, entgegnete Thiel. Zudem handle es sich um "kein verbindliches Gutachten". Das Wada-Statement, vor 2011 habe es sich nicht um Dopingverstöße gehandelt, bleibe also bestehen. Spätestens bei der abschließenden Nominierungssitzung werde aber die entsprechende Expertise der Nada vorliegen, kündigte Thiel an. Auf dieser Basis würden dann die Nominierungen erfolgen. Götz Hausding z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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