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Jörg Biallas
Unterhöhlte Realität

VON JÖRG BIALLAS

Es sollte Schlag auf Schlag gehen: Auftakt-Debatte zum Betreuungsgeld im Bundestag am vergangenen Freitag, in der kommenden Woche eine Experten-Anhörung, dann die Familienausschuss-Beratung, schließlich zweite und dritte Lesung nebst Verabschiedung. Der Bundestag hätte das Gesetz am Monatsende abhaken und die Sommerpause einläuten können.

Daraus wird nun nichts. Die ohnehin schon heftige Diskussion über das Betreuungsgeld könnte nach dem spektakulären Sitzungsabbruch noch mehr Fahrt aufnehmen. Obwohl eigentlich Für und Wider ausführlich diskutiert sind. Die Kernfrage: Soll der Staat es finanziell vergüten, wenn eine Familie keine Kita in Anspruch nimmt? Ja, sagen die Befürworter, denn damit wird die Bedeutung der Familie als pädagogische Keimzelle gestärkt. Nein, erwidern die Gegner, die externe Betreuung sichert berufliche Flexibilität, und der regelmäßige Kontakt mit Gleichaltrigen ist für die Entwicklung des Kindes wichtig.

Letztlich sollten Eltern individuell entscheiden können, welches Erziehungsmodell sie bevorzugen. Allerdings müssten dann die Voraussetzungen für eine solche Wahl auch geschaffen sein. Davon ist indes keine Rede: Bundesweit fehlen, je nach Zählweise, bis zu 260.000 Kita-Plätze, die meisten davon im Westen der Republik. Vielerorts haben Mütter und Väter also gar keine Alternative, als ihre Kinder selbst zu betreuen. Dies ist eine Lebenswirklichkeit, die seit vielen Jahren nachvollziehbar beklagt wird.

Im Sommer 2013 soll endlich Abhilfe geschaffen sein, denn dann greift der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Angesichts der klammen kommunalen Haushalte bezweifeln viele Eltern, dass der Bedarf bis dahin umfänglich gedeckt ist. Wer könnte es den Betroffenen also verdenken, wenn sie den politischen Zank über das Betreuungsgeld als parteitaktische Augenwischerei wahrnehmen?

Die Aussicht auf ein - sehr überschaubares - Betreuungsgeld wird in aller Regel kein hinreichender Grund sein, den Nachwuchs nicht in einem Kindergarten anzumelden, einerseits. Andererseits werden Eltern, die partout keinen Betreuungsplatz finden, in der Gutschrift ein willkommenes Trostpflaster sehen. Beides könnte als Beleg dafür gewertet werden, dass mitunter auch gut gemeinte politische Absichten Gefahr laufen, von der Realität unterhöhlt zu werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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