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ORTSTERMIN: AM REICHSTAGSUFER
Helmut Soltenberg
Public viewing im Parlamentsviertel

Ein lauer Sommerabend, die Sonne färbt den Himmel über dem Berliner Parlamentsviertel mit Abendrot: Ideales Wetter an diesem Tag für "public viewing", zu dem der Bundestag seit Ende Juni allabendlich ans Reichstagsufer einlädt. An der Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses zeigt er kostenfrei die Film- und Lichtprojektion "Dem deutschen Volke - Eine parlamentarische Spurensuche. Vom Reichstag zum Bundestag". Mit Einbruch der Dunkelheit soll es losgehen, und bis der circa halbstündige Film kurz nach 22 Uhr startet, haben sich etwa 250 Interessenten auf den terrassenartigen Stufen an der Spree versammelt, dort, wo einst die Mauer verlief.

Angelockt durch den weitschallenden Ton gesellen sich rasch weitere Zuschauer hinzu. Um die 350 werden es sein, die sich die Open-Air-Show über die parlamentarische Entwicklung und deutsche Geschichte der vergangenen 130 Jahre an diesem Abend nicht entgehen lassen - Passanten, Touristen, aber auch Berliner, die sich gezielt vor dem Reichstagsgebäude eingefunden haben. Eine 45-Jährige aus Charlottenburg etwa hatte im RBB von der Veranstaltung erfahren und ist mit Familie und Nachbarn gekommen, darunter fünf Kinder zwischen neun und 14 Jahren. Sie habe gedacht, die Vorführung könne die Kinder interessieren, erzählt die Frau. Und Wolfgang Lissy, ein pensionierter Lehrer, will sehen, ob sich der Film als Programmpunkt für den bevorstehenden Besuch einer 96-jährigen Bekannten aus New York eignet, die als Jüdin 1933 aus Deutschland emigriert war und 2006 erstmals wieder die alte Heimat besucht hatte.

Der Film erzählt "von der engen Verknüpfung des Reichstagsgebäudes mit der wechselvollen deutschen Parlamentsgeschichte", heißt es in einem Prospekt über die Inszenierung. Grundsteinlegung 1884, Erster Weltkrieg, Ausrufung der Republik von einem Balkon des Reichstagsgebäudes, die Weimarer Jahre, Reichstagsbrand und NS-Zeit mit Zweitem Weltkrieg, Luftbrücke, Gründung zweier deutscher Staaten, Volksaufstand in der DDR und Mauerbau, Kennedy 1963 in Berlin und Reagan 1987, Mauerfall, Einheit; dazwischen Bau, Zerstörung, Instandsetzung, Verhüllung und neuerlicher Umbau des Reichstagsgebäudes, das alles mit Lichteffekten garniert und englischen Untertiteln versehen - der Film kommt an beim Publikum, am Ende gibt es Applaus. "Sehr kompakt", aber auch "sehr nett", urteilt die Charlottenburgerin, und ihr Mann spricht von einem Anstoß, "mal wieder in die Geschichtsbücher zu schauen". Lissy findet die Darstellung "verkürzt", doch sei den Leuten mehr nicht zuzumuten. Als der Film nach dem ersten Durchgang wiederholt wird, sehen ihn sich noch mehr als 100 Zuschauer an.

Nachdem die Freiluftdarbietung vergangenes Jahr 17 Tage lang als Pilotprojekt getestet wurde, wird sie nun in überarbeiteter Fassung bis zum 3. Oktober präsentiert. Bei durchschnittlich etwa 500 Zuschauern pro Abend würden in dieser Zeit rund 50.000 Menschen Wissenswertes über die wechselvolle Historie des Landes und seines Parlaments erfahren können - auf unterhaltsame Weise und in stimmungsvollem Ambiente.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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