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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Verlieren für Europa!

Nein, ein optimaler Start war das für die deutsche Olympiamannschaft in London nicht. Mit den Sportlern leiden Millionen Deutsche, die doch eigentlich bei strahlendem Sonnenschein einen Medaillenregen feiern wollten.

Für die Volksvertreter bedeutet das: Ihr Einsatz ist gefragt. Statt lästiger Schlagzeilen über Koalitionskrach und den immerwährenden Vorwürfen, in der Eurokrise nicht, nicht richtig oder nicht schnell genug zu handeln, könnten sie in diesen Tagen durchweg positive Meldungen erzeugen; ganz ohne Sondersitzungen des Bundestages oder Marathon-Abstimmungen.

Doch wie ließe sich eine Rettungsaktion für die deutschen Sportler organisieren? Soll eine "Taskforce London" rivalisierende Teams mit der Aussicht deutscher Zustimmung zu Euro-Bonds zum Aufgeben bewegen? Könnten Konkurrenten mit der am Beckenrand gemurmelten Drohung "Euer Austritt aus der EU hat für uns längst den Schrecken verloren" so eingeschüchtert werden, dass sie nur noch mit halber Kraft ihre Bahnen ziehen? Auch die Frage, wie Sportler auf Linie gebracht werden sollen, die die Kürzel EFSF, ESM und EZB allenfalls mit leistungssteigernden, aber verbotenen Unterstützungsmitteln in Verbindung bringen, ist noch ungeklärt.

Doch gut informierte Kreise munkeln, Kanzlerin Angela Merkel habe den Überlegungen der Rettungsrebellen bereits im Vorfeld die Unterstützung verweigert: Mit der Aktion würde ihre geheime Kampagne zur Pflege des deutschen Images als Sparweltmeister gefährdet. Deren Motto: Wir verzichten auf alles, sogar auf Medaillen. Und gerade für die Südeuropäer seien Medaillengewinne doch geradezu existentiell - könnte das Edelmetall doch umgehend eingeschmolzen und dem Staatshaushalt zugeschlagen werden. Die deutsche Devise lautet daher: Verlieren für Europa!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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