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ORTSTERMIN: IM KUNST-RAUM DES BUNDESTAGES
Nicole Alexander
Enormes Interesse der Öffentlichkeit

Zwei leise Frauenstimmen empfangen den Besucher, der sich wie in eine andere Welt versetzt fühlt, wenn er aus der grellen Augustsonne in den kühl-dämmrigen Kunst-Raum des Bundestages tritt, der im Erdgeschoss des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses am Ufer der Spree liegt. Die Stimmen sind Teil einer Raumzeichnung mit Sound, die die Künstlerin Brigitte Waldach eigens für die Ausstellung "Neue Linien - Neuerwerbungen grafischer Kunst für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages" geschaffen hat und die die gesamte obere Ebene des Kunst-Raumes einnimmt. "Nervös" nennt Waldach ihre Installation aus elastischen Schnüren und Schriftfolgen an den Wänden - eine Anspielung sowohl auf unsere hektischen Zeitläufte als auch auf die These des Arztes und Psychologen Alfred Adler, nach der Unruhe eine Ursache für Kreativität ist.

Den gleichförmigen Monologen der Installation kann und will man sich auch beim Betrachten der Grafiken im Erdgeschoss des Kunst-Raumes nicht entziehen, allesamt Neuerwerbungen der vergangenen Jahre für die Kunstsammlung des Bundestages. "Es ist das zweite Mal seit seinem Umzug nach Berlin, dass das Parlament im Rahmen einer Ausstellung einen Einblick in seine Artothek bietet", erzählt Kristina Volke, stellvertretende Kuratorin der Kunstsammlung. "Damit reagiert es auf das enorme Interesse der Öffentlichkeit an dieser Sammlung."

Begründet wurde sie 1969. Damals erwarb der Bundestag auf Vorschlag des Abgeordneten Professor Dr. Gustav Stein 500 Grafiken zu je 500 DM. Der Grundstock für eine Artothek, aus der sich die Volkvertreter Kunstwerke für die Gestaltung ihrer Büros ausleihen können, war gelegt.

Seit 1976 wird die Sammlung durch den Ankauf weiterer Werke Jahr für Jahr erweitert, 175.000 Euro stehen dafür jährlich zur Verfügung. Vorschläge für Ankäufe kann jeder Parlamentarier machen; die Entscheidung trifft der Kunstbeirat des Bundestages. Diesem Gremium gehören neun Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Fraktionen an, den Vorsitz führt Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Bei den Neuerwerbungen legt das Gremium ein besonderes Augenmerk auf junge Künstler. "Da sich diese seit einigen Jahren vermehrt der Grafik zuwenden, gelangen zahlreiche großartige Zeichnungen in unsere Sammlung", erklärt Kristina Volke. "Das hat für uns zwei Vorteile: Grafik ist preiswerter als etwa Malerei. Und in letzter Zeit findet gerade auf dem Gebiet der Grafik ein künstlerischer Innovationsschub statt, der für die gesamte Kunstproduktion Bedeutung hat." Es ist also kein Zufall, dass die aktuelle Ausstellung diese Form der Bildenden Kunst in den Mittelpunkt stellt.

Einen expliziten Politikbezug haben nur wenige der ausgestellten Werke. Eine Ausnahme sind die Zeichnungen von Matthias Beckmann, der im Stil der Graphic Novel Szenen aus dem Parlamentsleben festgehalten hat. Der Künstler fertigte die Zeichnungen während eines Praktikums im Abgeordnetenbüro von Franz Müntefering (SPD) an. Klar, dass sich der Bundestag die Chance nicht entgehen ließ, Beckmanns Serie für seine Kunstsammlung zu erwerben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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