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Gastkommentar
Martin Lutz
Mehr Lust auf Kinder

Eine der größten und zugleich am meisten unterschätzten Herausforderungen der nächsten Jahre ist der demografische Wandel: Die Bevölkerung schrumpft und wird immer älter. Auf der anderen Seite steht immer weniger Nachwuchs bereit, um Renten, medizinische Versorgung und soziale Infrastruktur zu finanzieren. Für diese absehbare Entwicklung muss die Politik unbestreitbar Vorsorge treffen. Vor allem jüngere Unions-Abgeordnete fordern eine "solidarische Demografie-Rücklage", die ab dem vollendeten 25. Lebensjahr einkommensabhängig gezahlt werden soll.

Eine solche Demografie-Abgabe funktioniert nicht, wie man an der binnen weniger Jahre aufgezehrten Kapitalreserve für die Pflegeversicherung sieht. Besser wäre es, das Problem an der Wurzel zu packen und die Geburtenrate zu steigern. Die reiche Bundesrepublik weist weltweit den geringsten Anteil an Kindern im Verhältnis zur Bevölkerung auf, was an einem auffallend kinderfeindlichem Klima liegt. Die deutsche Gesellschaft scheint sich in karrieresüchtige "Rabenmütter" und sogenannte "Heimchen am Herd" zu spalten - eine Diskussion, die in Frankreich schlicht undenkbar wäre.

Die Franzosen belegen innerhalb der EU einen Spitzenplatz bei der Kinderrate. Grund dafür ist, dass jungen Paaren mit Hilfe von Familienzulagen, kostenloser Betreuung in der école maternelle (eine Art Vorschule) und im Kindergarten ab dem dritten Lebensjahr sowie einer besseren Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf Lust auf Nachkommen gemacht wird. So zeigt uns das Nachbarland, was die erste Voraussetzung für ein Demografie-Konzept und der beste Plan gegen den drohenden Rentenkollaps ist: Deutschland muss endlich ein kinderfreundliches Land werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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