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FÜNF FRAGEN ZUR: Lage in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt leidet besonders unter Bevölkerungsschwund. Wie bewältigt das Land die Probleme?

Der Bevölkerungsverlust resultiert seit einigen Jahren vor allem aus dem negativen Saldo von Geburten und Sterbefällen. Die Geburtenzahl hat sich seit der Wende halbiert und dürfte in diesem Trend vorerst weitergehen. Beschleunigt wurde der demografische Prozess dadurch, dass zu wenige Bürger Arbeit hatten und deshalb wegzogen. Künftig kehrt sich dieser Prozess aber um. Bis 2016 gehen rund 100.000 Erwerbspersonen mehr in Rente als nachrücken. Hier entsteht eine Lücke, die Sogwirkung entfalten wird. Durch flankierende Maßnahmen muss das Land für Zuzügler attraktiver gemacht werden. Wir brauchen auch eine positive Lohnentwicklung, um mehr Menschen ins Land zu locken.

Sachsen Anhalt hat aber das Image eines Billiglohnlands ...

Wir liegen bei den Löhnen laut Statistiken im ostdeutschen Mittelfeld. In Thüringen sind die Durchschnittslöhne zum Beispiel niedriger als in Sachsen-Anhalt. Und der Unterschied bei den Löhnen zwischen Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein ist größer als der zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Richtig ist aber: Die Löhne müssen bei uns steigen, vor allem bei den Dienstleistungsberufen, aber auch in fast allen anderen Bereichen.

Das Land wirbt um die Rückkehr weggezogener Fachkräfte. Gibt es Erfolge?

Schon jetzt bewirken unsere Aktionen ein gutes Echo. Uns erreichen immer mehr Anfragen. Etliches lässt sich statistisch allerdings leider nicht erfassen, wenn Leute zurückkehren. Weiterhin gilt: Viele frei werdende Stellen sind oft nur schwer aus dem Land zu besetzen. Deshalb sprechen wir vor allem Pendler an, aber auch diejenigen, die grundsätzlich rückkehrbereit sind. Die Quote der Rückkehrbereiten schätzen wir auf rund 60 Prozent.

Die Gegensätze zwischen Stadt und Land werden immer größer. Wird die grundgesetzlich gebotene Herstellung "gleicher Lebensverhältnisse" zur Illusion?

Es muss neu definiert werden, was gleiche Lebensverhältnisse sind. Die Heterogenität darf nicht zu groß werden. Zudem muss das Solidarprinzip aufrechterhalten bleiben, denn vieles in Deutschland ist bis heute die Nachwirkung der 1945 gezogenen Besatzungsgrenzen. Natürlich wird es bei Stadt und Land immer Unterschiede geben. Es geht hier nicht nur um unterschiedliche Löhne, sondern auch um Lebensqualität, die außerhalb der Städte größer sein kann.

Kann es sich der Staat noch leisten, Geld in strukturschwache Gebiete zu leiten oder sollten manche entvölkerten Dörfer nicht besser aufgegeben werden?

Der Staat wäre überfordert, darüber zu entscheiden. Es wird immer, auch aufgrund von Eigentum, eine individuelle Entscheidung sein, auf dem Land zu leben. Dies muss der Staat respektieren. Umgekehrt muss der Landbewohner respektieren, dass der Staat nicht alles ausgleichen kann. Unser "Demografieministerium", das Landesentwicklungsministerium, erarbeitet in dieser Legislaturperiode eine Definition, wie Mindeststandards in Sachsen-Anhalt aussehen können. Was hat an Schulen da zu sein, an medizinischer Versorgung oder Versorgung mit Lebensmitteln? All das ist aber nur bis zu einem bestimmten Maß finanzierbar. Manchmal werden die Bürger selbst entscheiden müssen, ob sie zusätzliche Kosten tragen wollen oder eben umziehen. z

Das Interview führte Hans Krump.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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